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WIRTSCHAFTSORGANISATIONEN DER BASIS - EINE STRATEGIE ANGESICHTS DER KRISE

* Der Artikel ist die aktualisierte Zusammenfassung einer Untersuchung, die der Autor zusammen mit A. Klenner, A. Ramírez C. und R. Urmeneta de la B. durchgeführt hat. Die Untersuchung erschien als Buchveröffentlichung unter dem Titel »Las organizaciones económicas populares« (Santiago, PET 1983).

** Luis Razeto M., Soziologe, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Programa de Economía del Trabajo (PET) der Academia de Humanismo Cristiano in Santiago/Chile.

Ursprung und Bedingungen des Organisationsprozesses

Der Gründungs- und Entwicklungsprozeß des Phänomens, daß wir als »neue Wirtschaftsorganisation der Basis« (W.O.B.) (1) bezeichnen, hat seinen Ursprung in den Ereignissen, die sich in Chile seit dem 11. September 1973 abgespielt haben. Wie allgemein bekannt. sie einen Bruch in der Geschichte jener Bewegungen, die sich aus der Basis der chilenischen Bevölkerung heraus gebildet haben. Der Bruch hat sich radikaler und drastischer vollzogen als der im staatlichen Institutionengefüge sowie in den wirt-schaftlichen und politischen Strukturen auf nationaler Ebene.

Die Machtübernahme durch die Militärs im Jahre 1973 setzte einen Schlußpunkt unter eine lange, verschiedene Jahrzehnte andauernde Entwicklung, die sich durch einen anhaltenden Aufstieg der Basisorganisationen und einen zunehmenden Kampf der chilenischen Arbeiterklasse auszeichnete. Auf dem Höhepunkt dieses Prozesses hatten diese Organisationen Stellungen im polisisch-staatlichen Machtgefüge inne, von denen aus sie die Beteiligung der Basis an der Steuerung des wirischaftlichen, sozialen und kulturellen Subsystems in bemerkenswerter Weise erweitern konnten. Von dieser Partizipation wurde die Massenbewegung gewaltsam und andauernd ausgeschlossen, danach systematisch unterdrückt und zersplittert. Nachdem die soziale Basis mit ihren Gewerkschafts-, Stadtteil- und politischen Organisationen in die Knie gezwungen worden war, begann für die Arbeiterschaft und die Bewohner der »poblaciones« (2) eine neue, extrem schwierige Situation. Sie war eine Folge des Versuchs von staatlicher Seite, die Beziehungen zwischen den unteren Schichten der Gesellschaft, dem Staat und der Wirtschaft mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und Machtimechanismen strukturell zu verändern.

Wie mittlerweile allgemein bekannt sein dürfte, besteht der Kern des in Chile angewandten Wirtschaftsmodells darin, dem kapitalistisch organisierten Markt dieVerteilung der Ressourcer und der Einkommen zu überlassen, die Eingriffe des Staates in den Markt weitgehend abzubauen und ihm damit eine subsidiäre Rolle zuzuweisen. Im Einklang mit dem Tauschprinzip, gemäß dem alles als Ware -gemessen in monetären Größen- behandelt wird, schließt der kapitalistisch organisierte Markt alle diejenigen aus dem Prozeß der Allokation der Ressourcen und der Verteilung der Einkommen aus, die weder Produkte oder Kapital noch ihre Arbeitskraft anbieten können. Der Reichtum konzentriert sich bei denen, die über Ressourcen verfügen; die »Schwachen« werden marginalisiert: das sind die, die keine ökonomischen Ressourcen besitzen, die ein geringes Erziehungs –oder Ausbildungsniveau haben, die keinen Arbeitsplatz finden können- ganz allgemein alle, die aus wirtschaftlichen, sozialen, ideologischen und kulturellen Gründen, aufgrund ihres Alters, ihres Gesundheitszustandes oder anderer Faktoren wenig oder nichts als Tauschobjekt am Markt anzubieten haben. Konkret heißt das: sie erzielen keine oder zu wenig Einnahmen, um ihre minimalen Grundbedürfnisse zu befriedigen, und stehen damit vor dramatischen Subsistenz- oder sogar Überlebensproblemen.

Als Folge der Wirtschaftspolitik ab 1973 nahm die Masse der »Ausgeschlossenen« beschleunigt zu; diese Situation erreichte ein außerordentlich kritisches Stadium: mindestens ein Drittel der Bevölkerung mußte nun in einem nie ge-kannten Ausmaß um seine Subsistenz kämpfen.

Randgruppen und Armut, Subsistenz- und Überlebensprobleme hatte es bei einem Teil der Bevölkerung auch vor 1973 gegeben. Die Situation unterschied sich aber deutlich von der derzeitigen Lage: das Wirtschaftsmodell hatte eine andere Ausrichtung, und der Staat trug in vielfältiger Form zur Befriedigung der Grundbedürfnisse der Unterschichten bei. Außerdem stellte die Massenbewegung eine gesell-schaftliche Kraft dar, die Forderungen stellte, Druck ausübte und Erfolge für die niedrigen Einkommensschichten verbuchen konnte. Das vorausgegangene politische System, eingepaßt in den institutionell-politischen Rahmen einer repräsentativen Demokratie, vertrat eine Koalition von urbanen-industriellen Interessen (einschließlich der Unternehmerschaft, der Mittelschichten und des Proletariats, die in den jeweiligen Präsidentschaftsperioden ein unterschiedliches Gewicht hatten) und integrierte, wenn auch mit geringerer Priorität, andere Teile der »sectores populares« (z.B. landlose Bauern und Landarbeiter). Das System erhielt sich in einer Art Gleichgewicht zwischen dem Staat, der die Umverteilungsfunktion übernommen hatte, und der Volksmasse, die sich mit dem Ziel organisiert hatte, gegenüber der Staatsmacht und ihren Institutionen mittels verschiedener Formen des Massenkampfes ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Das traditionelle Beziehungssystem zwischen dem Staat und der Masse der Bevölkerung wurde während der Regierungszeit der Unidad Popular in seinem Gleichgewicht gestört und geriet in die Krise. Mit der Niederlage der Massenbewegung und der Durchsetzung des autoritären Staates und der freien Marktwirtschaft ging dieses traditionelle System dann definitiv zu Ende.

Die neue politische Realität zeichnet sich durch eine offen betriebene Spaltung bzw. Auflösung der organisierten »Bewegungen von unten« aus, durch eine Demobilisierung der Massen und eine Zersplitterung der Gesellschaft. Das geschieht mittels einer geschickten Kombination aus offener Repression und Förderung des konsumistischen und individuafistischen Verhaltens. Am offensten macht die Staatsmacht jedoch klar, daß sie nicht mehr bereit ist, den Dialog mit den Organisationen der Unter-bzw. der unteren Mittelschicht autrechtzuerhalten und Adressat für deren soziale Forderunzer zu sein.

Damit sehen sich die »sectores populäres« vor eine neue Realität gestellt, die ihren Handlungsspielraum bei der Suche nach Lösungen für ihre unmittelbaren Existenzprobleme sowohl wirtschaftlich als auch politisch bedingt. Durch den weitgehenden Ausschluß aus dem Markt, die Auflösung der Organisationen, die Lähmung des Massenkampfes, die neuen politischen Spielregeln, den Mangel an Gesprächspartnern bei der Staatsmacht und die Oktroyierung von individualistischen Verhaltensweisen sieht man sich gezwungen, die sozialen und wirtschaftlichen Probleme in anderer Form in den Griff zu bekommen: die sog »Überlebennsstrategien« beginnen sich zu entwickeln.

Die Wirtschaftsorganisationen der Basis (W.O.B.)

Eine dieser Überlebensstrategien, die von einem Teil der Bevölkerung mit Subsistenzproblemen entwickelt wird. besteht in der Organisierung von Personen oder Familien in kleinen Gruppen, in denen man gemeinsam versucht, die unmittelbaren wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Grundlage für das gemeinsame Handeln ist die Tatsache, daß sich alle in ähnlicher Situation befinden, daß man in demselben Stadtviertel wohnt und sich kennt, sei es, weil man in derselben Betrieb gearbeitet hatte, zu derselben Kirchengemeinde gehört oder die gleiche politische Position vertritt. Im allgemeinen werden Organisationsformen und Aktivitäten in einer Reihe von Gruppenversainmlungen festgelegt, in denen zunächst das Bewußtsein für die gleiche Problemlage und die Notwendigkeit der solidarischen Bewältigung mittels spezieller wirtschaftlicher Maßnahmen geschult wird. Handelt es sich um Arbeitslose, können sie in der Gruppe die Herstellung von Produkten und das Augebot von Dienstleistungen organisieren oder gemeinsam Mechanismen entwickeln, um ihre Arbeitskraft auf dem Markt anzubieten. Für die Versorgung der Gruppenmitglieder mit Grundnahrungsmitteln wird deren Beschaffung und Verteilung kollektiv organisiert. Entsprechendes gilt für Probleme der Wohnraumbeschaffung, der Gesundheitsfürsorge, der Erziehune und Ausbildung der Kinder sowie der Freizeitgestaltung. für die man –und sei es mittelfristig- Lösungsmechanismen enmickeln muß.

Mit welchen Miteln können solche Maßnahmen durchgeführt werden? Ausgangspunkt ist der Beitrag des Einzelnen für die Gruppenaktivitäten. In der Mehrzahl der Fälle sind das die eigenen menschlichen Ressourcen (d.h. Arbeitskraft, Führungs- und Organizationstalent, kreative Fähigkeiten, Vorstellungsgabe für alternative Lösungen etc.) und die Produktionsmittel (Arbeitsgeräte; der eigene Wohnraum, der als Lokal für Versammlungen oder als Werkstatt dienen kann) sowie in einigen Gruppen geringe Geldbeiträge, die für sich genommen unbedeutend sind, zusammen aber einen kleinen Fonds zur Aufnahme der Aktivitäten bilden können.

Mit Eigenmittein wird man nur in wenigen Fällen die Wirtschaftstätigkeit so organisieren können, daß das gesetzte (Minimal-) Ziel erreichbar ist. Deshalb müssen last alle Gruppen sich extern Ressourcen beschaffen, d.h. die Hilfe und Förderung der Kirche und anderer Institutionen in Anspruch nehmen, die wiederum Finanzmittel ausländischer Geber für Projekte der sozialen Enmicklung oder nationale Solidaritätshilfe kanalisieren.

Auf dieser Grundlage führen die Organisationen ihre wirtschaftlichen Aktivitäten durch und versuchen in Produktion, Verteilung oder Konsum einen gewissen Grad der Integration in den Markt zu erreichen bei gleichzeitiger Beteiligung am Güter –und Dienstleistungsstrom, der außerhalb des Marktes in Form der Sozial- und Solidaritätshilfe fließt. Auf diese Weise können die organisierten »pobladores« ihre Isolierug und Marginalisierung überwinden, Marktbeziehungen anknüpfen und in den Genuß von Zuschüssen (Finanzierung, Beratung und Ausbildung) kommen.

Die Gruppen, die sich auf der Grundlage eines wirtschaftlichen Bedürfnisses und einer Wirtschaftstätigkeit oganisieren, verbinden diese eng mit den sozio-politischen un ideologisch-kulturellen Dimensionen des Lebens und der Erfahrungen der »pobladores«, Dynamik und Handlungsweise eihorchen niemals rein wirtschaftlicher Logik, sondern sie werden entscheidend von der Motivation und dem Streben nach einem besseren Leben für die Familie und die Gemeinschaft (vor allem Aspekte des Gesundheits-, Wohnungs- und Schulwesens in den »poblaciones«) bestimmt. Außerdem spielt die Perspektive, daß Organisation bzw. Aktion in einen Prozeß der politisch-wirtschaftlichen Transformation und der Befreiung der Volksmassen einmünden könnte, eine wichtige Rolle. Im Hinblick auf die außerökonomischen Dimensionen gründen die Organisationen vielfach spezielle Kommisionen, die kulturelle und soziale, Solidaritäts- und Freizeitaktivitäten durchführen. Man arbeitet auf diesem Gebiet mit anderen Organisationen zusammen, organisiert gemeinsam Veranstaltungen aus Eigenmittein oder gefördert durch Hilfsorganisationen.

Der Grad des sozialen, politischen und kulturellen Bewußtseins beeinflußt auch die Organisationsforrnen, die die Gruppen wählen, nach welchen Kriterien sie die Verteilung der Arbeit, der Einnahmen und des Nutzens vornehmen. welche Konzeption des Eigentums, der Leitung und Organisation sie ihrer Tätigkeit zugrunde legen. Entsprechend verstehen sich diese Organisationen häufig als alternative wirschaftliche Einheiten –im Vergleich zu den dominieren-den kapitalistischen Formen- und als Freiraum des demokratischen Zusammenlebens. Aufgrund dieser Ausrichtung ergreifen viele Organisationen auch die Initiative, sich mit anderen zu koordinieren und zusammenzuschließen, um über Aktivitäten mit größerem Umfang eines Tages vielleicht eine breite soziale Bewegung in Gang setzen zu können.

Haupttypen der Wirtschaftsorganisationen der Basis

Die W.O.B. sind vielfältig und heterogen. Sie unterscheiden sich nach der Art der Tätigkeit, der Organisationsform, der Bedürfnisse, die befriedigt werden sollen, und der Lösungen, die man dafür sucht. Entsprechend diesen Kriterien läßt sich die nachfolgende Typologie aufstellen:

Werkstätten

Die Werkstätten (talleres) sind kleine Wirtschaftseinheiten zur Produktion und Kommerzilisierung von Gütern und Dienstleistungen. Sie beschäftigen normalerweise zwischen drei und 15 Personen, die unter weitgehend gleichartigen -Bedingungen arbeiten. Technologie und Arbeitstechnik sind in der Regel einfach: Handarbeit mit geringem Kapitalund Produktionsmitteleinsatz herrscht vor.

Drei Haupttypen von Werkstätten haben herausgebildet:

Werkstätten mit permanenter Beschäftigung
Das sind Dauereinrichtungen mit einem vollen Arbeitstag. Sie haben einen festen Standort und halten die gestzlichen Bestimmungen wie Registrierungs- und Buchführungspflicht ein.

Werkstätten mit Teilzeitbeschäftigung
Hier wird die wirtschaftliche Tätigkeit ebenfalls dauernd ausgeübt; ihre Mitglieder haben aber nur eine Teilzeitarbeit, so daß das Beschäftigungsproblem nur teilweise gelöst ist. Die Arbeiten werden vielfach nicht an einem festen Standort, sondern als Heimarbeit verrichtet Die Mitglieder treffen sich jedoch in regelmäßigen Abständen, um ihre Arbeit zu planen, Entscheidungen zu treffen oder an Ausbildungskursen teilzunehmen.

Werkstätten für Gelegenheitsarbeit

In diesen talleres sind die Aktivitäten in Produktion und Kommerzialisierung nicht dauerhaft, sondern sporadisch bzw. haben den Charakter einer Gelegenheitsarbeit. Man befriedigt eine spezielle Nachfrage, die jeweils zu besonderen Gelegenheiten wie Festakten, Kampagnen oder Aus-stellungen entsteht.

Arbeitslosenorganisationen

Auch mit diesem Organisationstyp versucht man das Problem der Arbeitslosigkeit der Gruppenmitglieder in den Griff zu bekommen; jedoch sind der Lösungsansatz und die Art der Tätigkeit im Vergleich zu den Werkstätten unterschiedlich. Dort organisieren sich die Arbeitslosen, um auf eigene Rechnung zu arbeiten; hier schließen sich die Mitglieder in ihrer Eigenschaft als Arbeitslose zusammen, um gemeinsam eine Möglichkeit zu suchen, sich in den bestehenden Arbeitsmarkt zu integrieren. Wiederum können drei Typen unterschieden werden:

* Organisationen, die sich vorzugsweise in den informellen Sektor der Wirtschaft zu integrieren versuchen und unter Bezeichnungen wie »Arbeitslosenbörse« und »Zentren für kommunale Dienstleistungen« bekannt geworden sind;

* Organisationen, die ihre Beschäftigungssuche auf den Arbeitsmarkt von Gemeinden und staatlichen Institutionen ausrichten, wie z.B. die »Gewerkschaften für Gelegenheitsarbeiter« oder einige Arbeitslosenkomitees:

* Organisationen, die in engerem Zusammenhang mit Projekten der Solidaritätshilfe und sonstiger Unterstützungsmaßnahmen stehen, wie z.B. die Gruppen der Kampagne »Arbeit für einen Bruder« oder einige in diesem Rahmen geschaffene Komitees unn Arbeitslosenbörsen.

Organisationen zur Sicherung der Ernährung bzw. Grundnahrungsmittelversorgung.

In diesen Organisationen schließen sich Personen und Familien mit sehr geringen Einkommen zusammen, um ihren Bedarf an Grundnahrungsmitteln besser befriedigen zu können. Am weitesten verbreitet sind Zusammenschlüsse wie »Volksküchen« (comedores populäres), Komitees zur Beschaffung von Grundnahrungsmitteln (comités de abastecimiento), »Gemeinschaftskochen« (ollas comunes), »Gemeinsam einkaufen« (comprando juntos), »Selbsthilfegruppen« (grupos de autoayuda) und »Gemeinschaftsgärten« (huertos comunitarios).

Auch dieser Organisationstyp läßt sich in drei Hauptformeit unterteilen:

* Gruppen, deren Ziel es ist, für die beteiligten Familien Grundnahrungsmittel aus Solidaritätsschenkungen zu besorgen;

* Gruppen, die zusammen das Essen für den gemeinsamen Verzehr vor-und zubereiten;

* Gruppen, die Nahrungsmittel für den eigenen Bedarf anbauen.

Organisationen zur Lösung von Wohnungsproblemen

Dieser Organisationstyp ist in der Regel ein Zusammenschluß von »pobladores« mit besonders schwieriger Wohnraumsituation, wie z.B. den »allegados« (3). In Chile haben Kampf, Organisation und Durchsetzung von Forderungen zur Verbesserung der Wohnsituation der »pobladores« eine lange Tradition. Das heißt, das Neuartige der jetzigen Organisationsformen liegt in der Vorgehensweise, mit der man sich an die wirtschaftlich-politischen Voraussetzungen anpaßt.

Drei Formen können wiederum unterschieden werden:

* Die »Wohnungskomitees« und die »Komitees der wohnungslosen «pobladores» kanalisieren ihre Forderungen auf Wohnraum an die Gemeinden und Regierungen, Dabei arbeiten sie gemeinsam zu vertretende Positionen zur Sa-nierung von Elendsvierteln, zur Umsiedlung und zum System staatlicher Wohnungsbeihilfen aus.

* Organisationen mit stärkerer wirtschaftlicher Ausrichtung sind die »vorgenossenschaftlichen Gruppen« und die »Spargruppen«, die mittelfristige Lösungen anstreben und dabei die gruppeneigenen Ressourcen mit Mitteln der Öffentlichen Hand zu kombinieren suchen.

* »Schuldenkomitees«, »Komitees für Wasser«, »Komitees für Elektrizität« oder »Komitees zur Schuldenregelung mit SERVIU« (4) gründen sich mit dem Ziel, gemeinsam gegenüber staatlichen Institutionen umzuschulden und die Einstellung der Dienstleistungen bzw. die Zwangsräumung der Wohnungen zu verhindern.

Andere Dienstleistungsorganisationen der »pobladores«

In der Organisation von Gruppen. die soziale und kulturelle Dienstleistungen für ihre Mitglieder und die Gemeinschaft erbringen, liegen ebenfalls interessante Erfahrungen vor. Für die Gesundheitsvor- und- fürsorge haben sich Gruppen gebildet, die auf der Selbstverwaltungsidee fußen wie z.B. die »Gesundheitsgruppen« (círculos de salud), die alternative Erfahrungen intraditioneller und Volks-Medizin, in der Pflege der geistigen Gesundheit, in der Gruppentherapie, in Selbsthilfeinitiativen für Alkoholkranke u.a. entwickeln. Im Erziehungswesen mach man Erfahrungen mit alternativen Schulen, die von Lehrern und Eltern getragen werden, mit Ausbildungszentren, in denen die Integration der Gemeinschaft in den Prozess der Erziehung und Schulung der »pobladores« angestrebt wird, -mit Gemeinschaftszentren für vorschulische Erziehung, mit Kindergärten und Säugfingshorten. Im Kultur- und Freizeitbereich organisieren die Gruppenmitglieder gemeinsame Ferien, Clubs und Kulturzentren verschiedenster Art. Außerdem macht man zunehmend Erfahrungen mit Gruppen, organisiert von Frauen, Jugendlichen, Rentnern und anderen Teilen der Bevölkerung der »poblaciones«, die Reflektion und Diskussion über die sie bewegenden Probleme mit konkreten Aktivitäten zu deren Bewältigung verbinden.

Eigine Daten zur Quantifizierung des Phänomens der Wirtschaftsorganisationen der Basis

Der Organisationsprozeß der W.O.B. ist wellenförmig mit Höhen und Tiefen verlaufen. Expansions- und Krisenphasen, Perioden der Stagnation und der Stabilisierung haben sich abgewechselt. Ab Ende 1973 bis heute hat die Bewegung gemäß Zahl der Organisationen sowie der Einzelpersonen und Familien, die diese Subsistenzstrategie in Anspruch genommen haben, einen beachtlichen Umfang erreicht, und zwar vor allem in Städten mit hoher Bevölkerungskonzentration. W.O.B. gibt es auch unter der ländlichen Bevölkerung; sie wurden jedoch in dieser Unter-suchung und Typologie nicht berücksichtigt.

Um eine Idee von der Größenordnung des Organisationsprozesses zu bekommen, wurde vom Programa de Economía del Trabajo (PET) (5) eine Untersuchung über die verschiedenen W.O.B. durchgeführt, die im November 1982 in den »poblaciones« im Großraum von Santiago funktionierten.

Bei der Interpretation der Daten ist zu berücksichtigen:

* Es handelt sich nicht um die Gesamtheit der in GroßSantiago vorhandenen W.O.B., sondern nur um diejenigen, deren Existenz und Funktionieren zum Zeitpunkt der Erhebung tatsächlich festgestellt werden konnten.

* Es wurden nur dic Ori!anisationen mit speziell wirtschaftlichem Charakter berücksichtigt. Das heißt, bei der Erhebung klammerte man die Vielzahl der Organisationen aus, die sich zu kulturellen Zwecken oder zur Durchsetzung sozialer Forderungen gebildet haben bzw. die sich mit Aktivitäten in den Bereichen Gesundheit, Erziehung, Freizeit usw. befassen.

* Die Organisationen und Gruppen, die von Regierungsoder »regierungstreuen« Institutionen abhängen - wie z.B. CEMA (6) - wurden bewußt nicht miterfaßt; denn ihre Organisations- und Aktionsformen wie auch ihre Ausrichtung entsprechen nicht der Definition der W.O.B.

* Schließlich ist in Rechnung zu stellen, daß in dieser langen Zeitspanne.viel mehr Organisationen gegründet wurden, sich aber nicht konsolidieren konnten oder aus unterschiedlichen Gründen aufgelöst wurden.. Bei einem solchen Prozeß des Experimentierens scheiter notwendigerweise diene große Anzahl von Fällen. Das Scheitern ist allerdings relativ; denn auch der schlechteste Fall hinterläßt Lektionen und stellt einen wichtigen Lernprozeß dar.

In Groß-Santiago wurden insgesamt 495 W.O.B. in der Untersuchung erfaß. Schätzungen, die die in der Erhebung selbst liegenden Fehlerquellen berücksichtigen, kommen auf 700 W.O.B. Die 495 W.O.B. verteilen sich folgendermaßen:

Werkstätten (151)

von denen 15% Ganztags- und 80% Teilzeitarbeitsplätze anboten; 5% vergaben nur Gelegenheitsarbeiten.Von letzteren bestehen in Wirklichkeit wesentlich mehr; aber es wurden nur die zum Erhebungszeitpunkt funktionierenden Werkstäten für Gelegenkeitsarbeiten berücksichtigt. Von den 151 Werkstäten stellen 80 handwerkliche Produkte (»productos artesanales«) her, 18 waren kleine Bäckereinen, 15 Schneidereinen und 38 führten Bau-, Klempner- und Reparaturarbeiten durch.

Organisationen zu Sicherung der Grundnahrungsmittelversorgung (219)

Sie sind zahlenmäßig der dominierendeTeil der W.O.B.; von ihnen waren 121 »Volksküchen«, 34 Organisationen für gemeinsames Kochen, 57 Komitees zur Beschaffung von Grundnahrungsmitteln und zum gemeinsamen Einkauf; ferner wurden 6 Selbsthilfegruppen und ein Gemeinschaftsgarten lokalisiert.

Arbeitslosenorganisationen (32)

Sie setzen sich zusammen aus 21 Arbeitslosenkomitees, 8 Gewerkschaften für Gelegenheitsarbeiter und drei Koordinierungsgruppen für Arbeitslose.

Organisationen zu Lösung von Wohnungsproblernen (46)

Davon waren 27 vorgenossenschaftliche Gruppen, 5 Wohnunskomitees, 12 Komitees für Wohnungsbauschulden und zwei Koordinierungskomitees für die Gruppen.

Außerdem wurden 47 weitere Organisationen erfaßt, die andere Dienstleistungsarten erbrachten.

Wichtig für die Beurteilung der W.O.B. sind auch deren Standorte: von 495 funtionierten 284 (fast 60%) in Räumlichkeiten der Kirchen; 87 waren in Wohnungen der Mitglieder untergebracht; 67 hatten ein eigenes Lokal; 17 hatten keinen festen Standort: drei funktionierten im Freien. Über 37 W.O.B. liegen keine Daten vor.

Besondere Schwierigkeiten bereitete die Erfassung der Gesamtzahl der in den W.O.B. organisierten Mitglieder -und deren Zusammensetzung nach Geschlechtern. Dafür sind verschiedene Gründe ausschIaggebend: einerseits schließen sich in diesen Organisationen Einzelpersonen, andererseits Familien zusammen; hinzu kommt, daß über 47 Organisationen keine Informationen vorliegen. Die vor-handenen –wenn auch unvollständigen- Daten sind trotzdem zur Beleuchtung des Phänomens bedeutsam. Gemäß der Erhebung hatten die Organisationen, die sich aus Einzelpersonen zusammensetzen, im November 1982 18.217 Mitglieder; an den Organisationen, in denen sich Familien zusammenschließen, waren 6.517 beteiligt. Nimmt man pro Familie im Durchschnitt 5 Miglieder an, ergibt das 32.585 Personen. Dies bedeutet, daß mindestens 50.802 Personen an den 448 W.O.B., über die Informationen vorhanden sind, partizipierten. Bezieht man diese durchschnittlinchen Angaben auf die Schätzung von 700 W.O.B. im Großraum von Santiago, dann umfaßten diese schätzungsweise 80.000 Personen.

Hauptentwicklungsetappen der Wirtschaftsorganisationen der Basis

Nach der Darstellung der Hauptmerkmale und der Größenordnung der W.O.B. soll versucht werden, die Bedeutung dieses Prozesses sowie Sinn und die Ausrichtung seiner Entwicklung näher zu beleuchten, und zwar im Rahmen der Organisierung der Basisbevölkerung insgesamt und unter Einbeziehung der nationalen Realität. Diese Aufgabe ist nicht einfach, da die W.O.B. komplex und heterogen sind, aus verschiedensten und stark auseinanderlaufenden Initiativen bestehen, die wichtige Veränderungen im Zeitablauf durchgemacht haben und die sich derzeit in einer Phase befinden, in der ihre Identität und spezielle Ausrichtung noch nicht vollkommen ausgebildet sind. Deshalb sollen zunächst die W.O.B. in ihren großen Entwicklungslinien seit 1973 analysiert werden.

1. Etappe: 1973 - Ende 1977

Um den Ursprung dieser Organisationen besser zu verstehen, sollte man sich die ersten Monate nach der Machtübernahme durch die Militärs ins Gedächnis rufen. In einer Situation der offenen Repression gegen die Massenbewegung, der Lähmung und des Rückzugs der Organisationen ganz allgemein, des Vakuums in der politischen Führung und der weitgehenden Orientierungslosigkeit der Arbeiterschaft und der »pobladores« tauchen mehr oder weniger spontan an verschiedenen Stellen ohne Möglichkeiten der Koordinierung Initiativen auf, die alle einen gemeinsamen Nenner haben: man will die totale Zersetzung der Organisationen verhindern bzw. einen gewissen Grad des Zusammenhalts bewahren. Dadurch entstehen kleine Gruppen, die zunächst ganz konkrete Probleme der Subsistenzsicherung anpacken müssen. Diese sind Folge der Entlassungen und der Verfolgung in den Führungsspitzen und der Basis der Arbeiterschaft. Zur gleichen Zeit formiert sich mit bemerkenswerter Kraft eine breite Bewegung der Solidarität und der Unterstützung: im Ausland durch die internationalen Organisationen und im Inland durch die Kirchen, und zwar speziell durch die Katholische Kirche, die umfangreiche finanzielle Mittel zu den Hilfsbedürftigen kanalisiert und ihnen juristischen, moralischen und materiellen Beistand leistet. Daraus entstehen Institutionen und Gruppen, die in der Folgezeit die Unterstützung übernehmen. Eine der ersten wichtigen Institutionen war der Comité Pro-Paz. (7)

In der Entstehung und Herausbildung der W.O.B. wirken also zwei Schlüsselelemente zusammen: einerseits das vorhandene Potential an sozialem Bewußtsein, an Organisationsfähigkeit und an Solidarität, verankert in der Tradition der Massenbewegung, das Initiativen und neue Organisationsversuche hervorbringt, die sich an die nun im Lande herrschenden wirtschaftlichen und politischen Bedingungen anpassen; andererseits ein Strom von Finanzmitteln und Solidaritätshilfe, mit denen diese neuen Erfahrungen und Organisationsformen abgestützt und gefördert werden.

Die ersten Organisationen dieser Art waren die Kinderspeisungen, die Arbeitslosenbörsen und die Werkstätten. In dieser ersten Phase stieg die Zahl der Organisationen sehr schnell an. Im Dezember 1976 unterstützte die Vicaría de la Solidaridad (7) 56 Arbeitslosenbörsen, 136 Werkstätten und 294 »Volksküchen«. Über COMSODE (8) finanzierte man 200 Werkstäten und stattete sie mit einem Minimun an Ausrüstungen und Arbeitskapital aus.

Während dieser ersten Etappe, die ungefähr bis 1977 dauerte, konnten mit den W.O.B. zwei wichtige Ziele erreicht werden. Auf der einen Seite meisterte man eine sehr schwierige Notstandalage, in die viele aufgrun ihrer politischen Tätigkeit oder ihrer Gewerkschaftsaktivitäten arbeitslos gewordene Personen geraten waren, und verhinderte damit ihre Abwanderung bzw. Exilierung. Auf der anderen Seite konnten damit die Organisationsbeziehungen zwischen den sozial engagierten Personen in einer Situation der allgemeinen Lähmung und Zerstörung der Massenbewegung aufrechterhalten werden. Die Beziehungen, die sich zwischen diesen Organisationen und der Kirche herausbildeten, hatten dabei eine sehr wichtige Schutzfunktion.

2. Etappe: Ende 1977 - Mitte 1981

In der zweiten Jahreshälfte 1977 machte der Organisationsprozess der W.O.B. eine schwere Krise durch, die im Zusammenhang mit der wirschaftlichen Rezession, dem Fortbestehen des Militärregimes und einem Rückgang der internationalen Hilfeleistung zu sehen ist. Danach begann eine zweite Phase, die sich bis Mitte 1981 erstreckte. Die Krise der Organisationen führte zu einem starken Rückgang der Anzahl der W.O.B. und ihrer Mitglieder. Hiervon waren vor allem die Werkstätten betroffen, da sie ihre Produktionsund Absatzprobleme nicht mit der notwendigen Effizienz lösen konnten. Viele Organisationen waren als eine Übergangs- und Notstandsmaßnahme gedacht und projektiert worden. Da die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen jedoch weiter anhielten, sah man sich nun gezwungen, dauerhaftere und autonomere Lösungen zu finden, d.h. weniger abhängig von externen Finanzmitteln und Unterstützungen von außen, die sich in dieser Zeit wesentlich verringerten.

In dieser Periode bildet sich der –wie wir ihn bezeichnen wollen- neue Kontext der »poblaciories« heraus, der die W.O.B. in ihrer Entwicklung beeinflußt. Regierung und Gemeinden erhöhen ihre Präsenz in den »poblaciones«; man gründet die Consejos de Acción Social (Koordinationsstellen für Sozialaufgaben), normalisiert die Juntas de Vecinos (Nachbarschaftshilfen), fördert die »assistenzialistischen« und sozialen Aktionen privater Institutionen –die durch die Regierung koordiniert werden-, und stellt Mittel bereit, um Situationen extremer Armut abzumildern. Diese Periode fällt außerdem mit einem Zeitabschnitt zusammen, in dem sich das Beschäftigungs -sowie Lohn- und Gehaltsniveau relativ verbessern und in der es vordergründig so aussieht, als ob das »Modell« sich konsolidiert und positive Ergebnisse zeigt. Diese Tendenzen sind auf den enormen Zufluß an ausländischen Krediten zurückzuführen, die der Wirtschaft injiziert werden und damit Importe und Konsum erhöhen. Schließlich zeichnet sich der »neue Kontext« durch einen Rückgang der Repression aus, der sich nunmehr selektiv auf einzelne Teile der Gesellschaft und Per-sonen konzentriert.

In dieser Situation verlieren die W.O.B. der ersten Periode an Bedeutung oder sind nicht mehr durchführbar, da sie mit den vor der Regierung geförderten Lösungen nicht konkurrieren können oder ihre Produktion angesichts der Importmasse, die zu Billigpreisen aus Korea oder Taiwan kommt, keine Absatzmiglichkeiten mehr hat. Institutionen und Organisationen reagieren mit großem Einfühlungsvermögen auf diese veränderte Situation sowie auf die ersten mit den W.O.B. gemachten Erfahrungen. Da sich die organisatorischen Formen der ersten Periode erschöpft haben, beginnen Institutionen und Gruppen einen neuen Stil und neue Modalitäten der Unterstützung und Arbeit in den »poblaciones« zu entwickeln. Man konzentriert sich auf die Ausbildung und auf die integrale Förderung; man versucht, breitereTeile –also nicht nur die politisch Verfolgten– der -in diesen Vierteln lebenden Bevölkerung einzubeziehen, indem umfangreichere Solidaritätsaktionen durchgeführt werden (Zusammenkünfte mehrerer »poblaciones«, Jugendtreffen und Zeltlager u.a.).

Als Folge der veränderten Situation, der Emeuerung in Ausrichtung und Arbeitsstil der institutionellen Untersstützung wird diese Phase durch die Tendenz charakterisiert, von Organisationen der Subsistenzsicherung auf solche überzugehen, die stärker die sozio-politischen Forderungen betonen. Das wiederum bedeutet die Öffnung zu einer breiteren Problemstellung, die die »poblaciones« als Gesamtheit umfassen. Entsprechend bilden sich W.O.B., die sich zum Teil von denen der ersten Periode unterscheiden, wie z.B. die Komitees zur Beschaffung von Grundnahrungsmitteln, die Wohnungskomitees, die Arbeitslosenkomitees, die Werkstätten für Frauen.

Verbunden mit dieser Entwicklung läuft ein Reflexionsprozeß über die gemachten Erfahrungen ab, der sich in einer bemerkenswerten Diversifizierung der Arbeitslinien und in der Suche nach neuen Aktionsformen niederschlägt, die mehr die sozialen als die wirtschaftlichen Probleme betonen und den kulturellen und Ausbildungs-Aspekt im Vergleich zum ideologisch-politischen Aspekt in den Mittilpunkt rücken. Das Problem der Autonomie der Organisationen wird mit aller Schärfe diskutiert. Damit unternehmen die Organisationen einen ersten Versuch, die Abhängigkeit vom Ausland und von den Förderinstitutionen, in der sich die W.O.B. in der ersten Periode befanden, zu Überwinden. Außerdem stellt sich das Problem, Organisationen mit weniger vorübergehendem Charakter zu schaffen.

3. Etappe: Mitte 1981 - Ende 1982

Mitte 1981 geht auch diese Periode zu Ende, und es beginnt eine neue Phase. Für diese erneute Zäsur gibt es verschiedene Gründe. Auf der einen Seite besteht kein Zweifel mehr daran, daß es mit den neuen Organisationsversuchen nicht gelungen ist, die Schwäche und Instabilität der W.O.B. zu überwinden. Organisationen und Aktionen, die sich stärker als Vertretung für die sozialen Forderungen begreifen, können sich nicht entwickeln. Sie werden unterdrückt und finden keine Gesprächspartner auf offizieller Seite. Diese sind aber erforderlich, damit sich diese Art des Kampfes ausbreitet und konkrete Ergebnisse für die Mitglieder erzielt werden. Auf der anderen Seite nehmen die Ressourcen der Förderinstitutionen weiter ab, so daß sie ihr Personal reduzieren müssen und den Gruppen weniger Mittel zur Verfügung stellen können.

Der wichtigste Faktor für die veränderte Situation ist aber die erneute Rezession der Wirtschaft, die die Arbeitslosenzahlen stark ansteigen läßt und zu entsprechenden Einkommensverlusten bei der Arbeiterschaft führt. Damit verschärft sich erneut das Problem der Subsistenzsicherung. Es erreicht extreme Ausmaße und betrifft jetzt in massiver Form die Unter- sowie Teile der Mittelschicht. Unter den W.O.B. scheinen in dieser Periode vor allem die Werkstätten. die Dienstleistungseinrichtungen, die Organisationen für den Gemeinschaftseinkauf. die kleinen Bäckereien, die Wohnungsbauorganisationen mit vorgenossenschaftlichem Status, die »Kochgemeinschaften«, die Gewerkschaften der Gelegenheitsarbeiter und andere Selbsthilfegruppen Bedeutung zu haben.

In dieser Situation stehen erneut die wirtschaftlichen Aktivitäten im Mittelpunkt des Organisationsprozesses, die enforderlich sind, um die Tagesprobleme zu meistern und die Befriedigung der Gesundheitsbedürfnisse zu sichern. Jedoch bereitet sich innerhalb des Organisationsprozesses ein neuer Geist aus, indem man versucht, die Fehler und Engpässe der ersten Periode zu überwinden. Als besondere Merkmale dieser Phase lassen sich aufzeigen:

* Das Hauproblem besteht weniger darin, die Notlage der direkt politisch Verfolgten zu mildern, als vielmehr Lösungen für die extrem schwierige wirtschaftliche und politische Lage der »pobladores« zu finden.

* Es werden nicht mehr Übergangs-, sondern Dauerlösungen angestrebt.

* Externe Ressourcen und Schenkungen stehen nur noch in relativ geringem Umfang zur Verfügung, d.h. die Organisationen müssen sich vor allem auf ihre eigenen Mittel und Fähigkeiten stützen. Die institutionelle Hilfe konzentriert sich auf die Ausbildung, die Beratung, die Mitarbeit bei der Problemlösung und die Hilfe bei ergänzenden Aktivitäten.

* Die operative Effizienz der wirtschaftlichen Aktivitäten ist unverzichtbar. Das wiederum bedeutet, daß den Initiativen in ihrer Faktibilität ausreichend geprüfte Projekte zugrunde liegen müssen, die in ihrer Organisation und ihrer Technologie an die konkrete Arbeits- und Absatzbedingungen angepaßt sein müssen.

* Man sucht nach alternativen Formen der Durchführung und Leitung der Aktivitäten, um gleichzeitig Autonomie und Partizipation zu verwirklichen. Es ist der Versuch, neue Beziehungsformen in den Gruppen zu schaffen, mit denen nicht nur Konflikte vermieden werden, sondern die vor allem der Ausdruck für ein solidarisches und brüderliches Zusammenleben sein sollen.

* Man fördert den Zusammenschluß verschiedener W.O.B., damit sie Erfahrungen austauschen, Aktivitäten in größerem Maßstab in Angriff nehmen und sich unter Umständen in der Zukunft zu einer sozialen Bewegung integrieren.

4. Etappe: ab Ende 1983

Ab Ende 1982 kann man neue Initiativen der Basis beobachten, an deren Entstehung nicht in jedem Fall Institutionen oder Aktionsgruppen beteiligt sind. Dadurch wird aber zusätzliche Nachfrage nach Beratung, Ausbildung etc. erzeug, die die Kapazität der bestehenden Institutionen weit überschreitet. Außerdem bahnt sich bei den W.O.B. die Tendenz an, sich mit anderen Organisationsinstanzen der Massenbewegung auf der Ebene der »poblaciones« und der Gewerkschaften zu verbinden, und zwar mit dem Ziel, eine Integration mit anderen Gruppen für den Kampf um allgemeine sozio-ökonomische Forderungen zu erreicnen, ohne daß der spezielle Charakter der W.O.B. verloren ginge.

Diese Tendenzen, zusammen mit wichtigen Veränderungen, die sich durch die Entwicklung des sozialen und wirtschaftlichen Klimas im Lande ergeben haben, lassen es sinnvoll erscheinen, ab 1983 von einer weiteren Zäsur im Organisationsprozess der W.O.B. zu sprechen. Die W.O.B. stehen in einem »neuen« nationalen Kontext, verbunden mit Veränderungen in der Massenbewegung, an deren Gestaltung sie aktiv mitwirken, die aber gleichzeitig ihre eigene Entwicklung beeinflussen.

Merkmale des »neuen« Kontextes sind:

* Die Explosion der sozialen Forderungen, die sich aufgestaut hatten und sich in verschiedenen Formen des Kampfes äußern wie die periodisch wiederkehrenden »Protesttage« oder die Besetzung von Grundstücken. Die Aktivitäten in den »poblaciones« nehmen intensive Formen an; die »po-bladores« werden zu Protagonisten des sozialen Kampfes.

* Parallel dazu verschärft sich erneut die Repression der Polizei in den »poblaciones«, und zwar zunehmend in direkter und brutaler Form.

* Gleichzeitig verstärken die Regierung und die Gemeinden aufgrund des Drucks »von unten» ihre sozialen Aktivitäten in den »poblaciones«, indem sie u.a. einige Instanzen als Adressaten und Vermittler für die Forderungen der Basis schaffen.

* Gemeinden und Regierungsstellen fördern einige Maßnahmen, um die Subsistenzprobleme abzumildern, wie z.B. die Anlage von Gärten und die Gründung von Werkstätten. Damit entstehen zwar Organisationen der Basis, aber ohne die spezielle Ausrichtung der W.O.B.

* Schließlich beginnt auch das politische Leben im Lande wieder aufzuleben, indem sich die politischen Institutionen reorganisieren und eine Vielzahl von Aktivitäten durchführen. Man diskutiert über Formen der Aktion und des Kampfes, vor allem über das Problem der Gewalt und die Methode der aktiven Gewaltfreiheit.

In dieser neuen Situation bilden sich verschiedene Organisationen heraus, die vielfach große Ähnlichkeit mit denen der traditionellen Massenbewegung haben. Aber die W.O.B. als eine spezielle Organisationsform, weit davon entfernt an Bedeutung zu verlieren, entwickeln sich weiter. Das läßt sich anhand folgender Daten demonstrieren:

Organisationstyp November1982 / Oktober1983

Werstätten 151 / 198
»Volksküchen« 121 / 134
Beschaffungskomitees u. »Gemeinschaftseinkauf« 57 / 87
Arbeitslosenkomitees 21 / 35
Gewerkschaften der Gelegenheitsarbeiter 8 /12
Schuldenkomitees 12 /28
Vorgenossenschaftliche
Gruppen 27 /28
Wohnungskomitees 5 /58
Familiengärten 1 rd. / 300
Gruppen für Gesundheitsfürsorge 22 /22
Koordinierungskomi-tees für die W.O.B 2 /15
Andere Gruppen 14 /19

Weder die Daten von 1982 noch die von 1983 sind vollständig, d.h. einige Veränderungen dürften auf die unzureichende Erfassung zurückzuführen sein. Jedoch besteht kein Zweifel daran, daß das Wachstum der W.O.B. in diesem Zeitraum wesentlich zugenommen hat. Schätzte man Ende 1982 rund 80.000 Mitglieder, so dürften es derzeit rund 120.000 sein. Das mengenmäßige Wachstum ist mit einigen qualitativen Veränderungen verbunden gewesen: in der Zusammensetzung nach Geschlechtern und Altersgruppen ist hervorzuheben, daß sich mehr Männer und Jugendliche sowie ganze Familien beteiligen; dominierten in den vorangegangenen Perioden die Gruppen und Teile der Bevölkerung, die am hilfs- und schutzbedürftigsten waren, so partizipieren jetzt zunehmend Personen mit höherem Schulund Ausbildungsniveau, die ebenfalls hart von der Wirtschaftskrise betroffen sind.

Ein weiteres Merkmal dieser Periode ist, daß sich in einigen W.O.B. eine stärkere Verbindung von wirtschaftlichen mit sozialen und politischen Aktivitäten vollzieht. Die W.O.B. haben wichtige Beiträge im Kampf für soziale Verbesserungen und Demokratie geleistet: viele Organisationen haben aktiv an der Protestbewegung teilgehabt, haben Führungsspitzen für die Massenbewegung insgesamt mitbegründet und die Forderungen der Basis vor den Gemeinden vertreten. Aus den W.O.B. sind neue Basisführer mit einer breiteren Ausrichtung herangewachsen. Der wirtschaftliche und der organisatorisch-politische Aspekt scheinen sich im Vergleich zu den vorhergehenden Etappen stärker miteinander zu verbinden.

Die dargestellten Tendenzen sind zum großen Teil Ergebnis der erwähnten neuen Situation der Basisbewegungen. Die Entwicklung der W.O.B. hin zum Sozialkampf und ihre Politisierung hat einerseits ihre innere Funktionsfähigkeit, andererseits die Aktivitäten, um wirtschaftliche Probleme zu lösen, beeinflußt. In einigen Fällen hat sich aus diesem Grund das Risiko des Zerfalls der Organisationen erhöht. Um dieser Gefahr zu entgehen, verstärkt sich teilweise der speziell wirtschaftliche Charakter der W.O.B. Die Spannungen zwischen der wirtschaftlichen und der politischen Dimension äußern sich in Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen in den W.O.B. Aber generell ist doch zu vermerken, daß man zu einer neuen Form der Verbindung von wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Aspekten fortschreitet.

Die Funktionen und Maßnahmen der Förderinstitutionen haben sich ebenfalls verändert. Die neuen Gruppen bilden sich jetzt spontan, so daß ihre Promotoren- und Animateurfunktion an Bedeutung verloren hat. Wichtiger ist somit die Unterstützung und Beratung der schon vorhandenen Gruppen. Da auf der einen Seite ihre Zahl zugenommen hat, auf der anderen Seite die Institutionen (z.B. die zonalen Vikariate) mehr Aufgaben im Bereich der Verteidigung der Menschenrechte und des Schutzes der »pobladores« übernehmen mußten, konnten die W.O.B. weniger unterstützt werden.

Trotzdem ist hervorzuheben, daß die W.O.B. im allgemeinen, und einige im besonderen, auch in dieser Periode wichtige solidarische Unterstützung erhielten. Da sich im Lande allgemein ein größeres soziales Bewußtsein und mehr Solidarität herauszubilden beginnen, entstanden neue Formen konkreter Unterstützung, wie z.B. der Konsum von Produkten und Dienstleistungen der W.O.B. Der Absatz auf dem –wie wir es bezeichnen- »solidarischen Markt« hat zugenommen. Außerdem unterstützen sich die Organisationen untereinander, z.B. die kleinen Bäckereien und die Organisationen »Gemeinschaftliches Kochen« oder die Wohnungs- und die Arbeitslosenkornitees.

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, daß in dieser Periode eine größere Diffusion der W.O.B. als Organisationsform stattgefunden hat: Untersuchungen wurden durchgeführt, die Presse und das Fernsehen haben das Thema behandelt. Sogar die Abkürzung O.E.P. (Abk. für W.O.B. im Spanischen) hat Verbreitung gefunden und sich für die Benennung dieses Phänomens eingebürgert. Mit anderen Worten, diese Organisationen sind nun an das Licht der Öffentlichkeit getreten, erwecken zunehmendes Interesse, vor allem in sozial engagierten Kreisen und unter der politischen Opposition. Die Organisationen haben sich auch in der Provinz, vor allem in der Zentralregion und im Süden des Landes verbreitet.

Bedeutung und Perspektiven der Wirtschaftsorganisationen der Basis: drei Hypothesen

In diesem Kapitel soll der Versuch unternommen werden, einige Elemente zur Interpretation des Phänomens der W.O.B. beizusteuern, und zwar mit dem Ziel, seine Bedeutung und seine Zukunftsaussichten differenzierter einzuschätzen. Da das Phänomen vielschichtig, heterogen und in seiner Entwicklung schwankend ist, sich ferner bisher nicht genügend herausgebildet und eine schwer abschätzbare Zukunft hat, auf das sich überlappende Kräfte Einfluß nehmen und es in verschiedene Richtungen mit unterschiedlichen kulturellen und ideologischen Inhalten orientieren werden, kann –auch wenn es Objekt verschiedenster Reflexion und Analyse gewesen ist-, kein eindeutiger Ansatz formuliert werden, der seine Bedeutung umfassend klärt.

Aus diesem Grund –und um Diskussionsmaterial für weitere Untersuchungen zu liefern- beschränken wir uns darauf, drei allgemeine Hypothesen zu formulieren und zu versuchen, die grundsätzlichen Elemente, die man in der Realität vorfindet, zu erfassen. Die Hypothesen sind jeweils Alternativen; aber sie enthalten unserer Meinung nach einen Teil der Realität. Jede von ihnen hebt die einen oder die anderen Elemente hervor, und jede schließt auch Elemente aus, die in der Realität vorhanden sind. Entsprechend können für alle drei Hypothesen Daten und Informationen angeführt werden, die sie stützen oder sie widerlegen, d.h. man sollte ihnen gegenüber offen sein.

Hypothese 1

Die W.O.B. sind ein vorübergehendes und konjunkturelles Phänomen, da ihr Ursprung, ihre Entwicklung und ihre Zukunftsaussichten von den derzeit in Chile herrschenden wirtschaftlich-politischen Verhältnissen bedingt werden. Seine Gültigkeit hängt davon ab, ob die Marktwirtschaft mit ihrem Konzentrations- und Ausschlußcharakter sowie der autoritäre und repressive Staat aufrechterhalten werden können. Die Beendigung der derzeitigen wirtschaftlichen und politischen Situation würde auch das Ende der W.O.B. bedeuten. Hauptziel der W.O.B. –über das hinaus sie keine weitere Perspektiven haben- ist, die unmittelbaren Subsistenzprobleme zu lösen- die Ursache für ihr Entstehen waren und die Hauptmotivation für die Organisierung ihrer Mitglieder darstellen. Die W.O.B. haben also ein ihre Gründung mitbestimmendes assistenzielles Element, und es ist somit unrealistisch, ihre Unabhängigkeit zu postulieren. Die Unterstützung durch die Förderinstitutionen ist grundlegend; ohne sie hätte dieser Organisationsprozeß nicht stattgefunden. Hört diese auf, machen die Organisationen eine schwere Krise durch und viele werden sich für immer auflösen. In den Organisationen stehen die wirtschaftlichen Aktivitäten im Mittelpunkt; jedoch verharren sie auf dem Niveau von Subsistenzformen oder Überlebensstrategien.

Hypothese 2

Die derzeitigen Formen der W.O.B. sind konjunkturell und übergangsorientiert, aber Bestandteil eines breiteren und dauerhaften Organisationsprozesses, in den sie sich einpassen und aus dem sie ihren Sinn ableiten. Die neuartigen Elemente der W.O.B. sind Ergebnis der jetzigen wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, Aus diesem Grund werden die W.O.B. –als speziell wirtschaftliche Organisationen zur Befriedigung der Grundbedürfnisse- verschwinden, wenn sich diese Situation verändert. Sie werden einen Prozeß der Politisierung durchlaufen, der eine entwickeltere Phase darstellt. In der Geschichte der Massenbewegung sind die W.O.B. also in gewisser Weise ein Rückschritt oder besser gesagt, ein Stadium der Defensive. Der Wert liegt darin, daß ein gewisser Organisationsgrad der »pobladores« aufrechterhalten wird, daß sie die Möglichkeit bieten, weiter soziale Forderungen zu kanalisieren und neue Führer für die Massenbewegung heranzubilden. Der Prozeß wird in dem Maße fortschreiten, in dem das Aktionsniveau mehr politischen Charakter hat, zum Massenkampf und zu direkten Maßnahmen übergeht. Der speziell wirtschaftliche Charakter dieser Organisationen ist nicht das Wesentliche. Die wirtschaftliche Ausrichtung dieser Organisationen hat nur insoweit Bedeutung, als sie ihren Mitgliedern die Subsistenzsicherung ermöglicht. Außerdem bewirken die konkreten wirtschaftlichen Ergebnisse, daß die Organisationen mit mehr Selbstvertrauen ihre Aktionen auf andere Bereiche ausdehnen. Die Maßnahmen der Förderinstitutionen sind wichtig, aber nicht ausschlaggebend gewesen; sie können in dem Maße ersetzt werden, wie die Orga-nisationen sich zu größeren Einheiten wie Koordinierungsinstitutionen, Verbänden u.a. zusammenschließen.

Hypothese 3

Die W.O.B., in ihrem Ursprung und in ihren Bedingungen Folge der derzeitigen wirtschaftlichen und politischen Situation, sind Träger einer neuen Art von Organisierung und Transformation. Die neuen Elemente. die sie aufweisen, sind ein entscheidender Beitrag zur Uberwindung der traditionellen Organisationsformen der Basis. Ihr Wert liegt nicht allein in einer Organisations- und Aktionsforrn. die sich an die aktuelle Situation anpaßt, sondern daß sie darüber hinaus eine Struktur anstreben –und zwar ausgehend von der sozialen Basis-, die alternative Formen und Beziehungen im menschlichen und wirtschattlichen Bereich beinhaltet. Die derzeitige wirtschaftliche und politische Situation würde nicht zur Auflösung der W.O.B. führen, sondern im Gegenteil ihre Entwicklung beschleunigen und verbreitern. In diesem Sinne wäre es ein Phänomen, das Zukunft hinsichtlich seiner Dauer und Autonomie hat. Vom Standpunkt dieser Hypothese aus hat das speziell wirtschaftliche Element der W.O.B. einen wichtigen Stellenwert. Es ist der Kern, um den sich die Gruppen zunächst strukturieren. Die Organisationen nehmen aber einen stärker integralen Charakter an; denn sie verbinden mit den wirtschaftlichen Aktivitäten soziale, kulturelle und politische Aspekte der Gemeinschaft und der »población«. Das Subsistenzproblem ist nur der Ausgangspunkt für die Organisationen, die sich darüber hinaus zu neuen Wirtschaftsformen entwickeln können, die eine wirkliche Selbstverwaltungsaltemative im Vergleich zu der von Personen und Personengruppen darstellen. Von dieser Perspektive aus gesehen, ist die institutionelle Unterstützung bedeutsam, ja entscheidend, und zwar nicht so sehr aufgrund ihres materiellen oder finanziellen Beitrags, sondern aufgrund der Hilfe-stellung, die sie bieten können, um neue Denk- und Verhaltensformen bei der gemeinsamen Suche nach einer neuen Zivilisation zu entwickeln.

Schlußbemerkung

Konfrontiert man die tendenzielle Entwicklung der W.O.B. in der bisher letzten Etappe ab 1983, über die Vergleichsdaten vorliegen, mit den drei Hypothesen, so können wir daraus zwar keine Schlußfolgerungen, aber zumindest einige abgesicherte »Eindrücke« ableiten.

Erstens haben sich keine Tatsachen oder Tendenzen gezeigt, die die sehr begrenzte Hypothese 1 unterstreichen. Die W.O.B., die am engsten mit dieser Hypothese verbunden sind, wie z.B. die »Volksküchen« oder die Beschaffurigskomitees sowie sämtliche mehr assistenziellen Formen, haben sich nicht weiter entwickelt. Andere Organisationsformen im Bereich des Konsums wie das »Gemeinschaftskochen« oder der »Gemeinschaftseinkauf« haben dagegen zugenommen. Daß heißt, man könnte argumentieren, daß sich nichts Neues zugunsten dieser Hypothese ergeben hat. Damit ist sie aber noch lange nicht vom Tisch; denn die Situation extremer Armut ist in den »poblaciones« weiter vorhanden; sie hat sich zum Teil sogar verschärft. Damit dürfte ein großer Teil des Wachstums der W.O.B. noch eine Auswirkung des herrschenden Wirtschaftsmodells sein.

Dagegen scheint es einige Aspekte zu geben, die die Gültigkeit der Hypothese 2 unterstreichen, wie z.B. die Beteiligung der W.O.B. an den Kämpfen um die Durchsetzung sozialer Forderungen oder am Prozeß der Politisierung. Besonders groß ist die Zunahme der Arbeitslosenkomitees und der Gruppen wohnungsloser »pobladores« gewesen. Gemäß der Hypothese 2 hätte die Expansion der Organisationen und Aktivitäten, die auf die massive Durchsetzung sozialer Forderungen abzielen, von einem Rückgang bzw. Bedeutungsverlust des spezifisch wirtschaftlichen Aspektes der W.O.B. begleitet sein müssen. Das ist nicht eingetreten; im Gegenteil, diese W.O.B., wie z.B. die Werkstätten. die kleinen Bäckereien, Der »Gemeinschaftseinkauf«, ganz generell, sämtliche W.O.B. mit stark ökonomischer Ausrichtung, bestehen weiter. Sie sind nicht im allgemeinen Prozeß der Mobilisierung sowie der sozialen und politischen Kämpfe aufgegangen.

Ebenso lassen sich in dieser Periode Elemente beobachten, die tendenziell die am weitesten gefaßte Hypothese 3 unterstreichen. Die W.O.B., die am direktesten mit dieser Hvpothese im Zusammenhang stehen, haben beträchtlich zugenommen, besonders die Werkstätten, die Familiengärten, der »Gemeinschaftseinkauf« die vorgenossenschaftlichen Gruppen und die Sparorganisationen. Kernproblem vieler W.O.B. ist die Verbesserung der operativen Effizienz und die Entwicklung angepaßter Technologien gewesen. Die Idee, die Wirtschaftsorganisationen der Basis über einen möglichen Regimewechsel hinaus beizuhalten, scheint weiter Fuß gefaßt zu haben. Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit dem wachsenden Bewußtsein, daß die Demokratisierung des Staates und der Wirtschaft nicht eine einfache Rückkehr zu den demokratischen Formen und den politischen Verhaltensweisen der Vergangenheit be-deuten kann, sondern ein Prozeß der Suche nach neuen Formen sein muß, in denen die »soziale Basis« eine führende Rolle haben sollte.

Unter den gegenwärtigen politischen Umständen ist das Problem der Beteiligung der W.O.B. am Prozeß der wirt-schaftlichen und politischen Dernokratisierung aufzuwerfen. Dazu sei an dieser Stelle nur folgendes angemerkt. Verschiedene Gruppen arbeiten derzeit an alternativen Projekten für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Ein solches Projekt ist unserer Meinung nach nur dann wirklich demokratisch, wenn es die Vorstellungen und Ziele der Basis berücksichtigt und deren Erfahrungen in der Bewältigung der Krise und in der Befriedigung der Grundbedürfnisse integriert. Es gibt eine Vielzahl von Erfahrungen, die ausgewertet werden müssen und die mittels einer konsequenten Wirtschaftspolitik in ihrer Wirksamkeit wesentlich verstärkt werden können. Dazu gehören die W.O.B., die Genossenschaften, die selbstverwalteten Unternehmen und die Arbeitnehmerbetriebe, die für die Ausarbeitung eines neuen Entwicklungsmodells von großer Bedeutung sein können. In einem veränderten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontext könnten bisher nicht bekannte Entwicklungseffekte von diesen konkreten Formen der Parfizipation und des Einsatzes der Arbeitskraft in solidarischer und demokratischer Weise ausgehen.

 

(1) Die spanische Bezeichnung »orgarfizaciones ecoinörnicas pipulares« (O.E.P.) enthält den nicht eindeutig ins Deutsche übersetzbaren Begriff »popular«, für den hiUsweise die Ausdrücke Volk, Masse, Basis je nach Zusammenhang benutzt werden. Der Terminus »popular« bezeichnet das schwer präzisierbare Aggregat »Volk« in der Weise, wie es in Europa im 18. und 19. Jahrhundert in der Konfrontation Volks-Monarchie (Staat) verstanden wurde. Man könnte »clases populares« bzw. »sectores populares als eine Allianz aus Mittel- und Unterschichten bzw. als Bevölkerungsteil, der aus Unter- und Mittelschichtlem besteht, fassen. »Popular« ist ein Begriff, der sozial-politische Auseinandersetzungen voraussetzt, die Klassenauseinaradersetzungen vorgelagert sind. »Popular« enthält das Moment der Eigenständigkeit der Koalition Mittel-/Unterschichten und bezieht sich vorwiegend auf Bewegungen »von unten«. »Populista« dagegen bezeichnet die Manipulation der Mittel- und Unterschichterfinteressen »von oben«, d.h. vom Staat aus. In diesem Sinne kann man auch »regímenes populistas« (klassische popuhstische Regierungen) wie z.B. den Peronismus oder Bewegungen wie die bisher nie an die Regierung gekommene APRA von »regímenes populares« wie z.B. die Regierung der Unidad Popular unterscheiden.

Die Übersetzung mit »Volk« -wie vielfach anzutreffen- ist nicht nurproblematisch, weil dieser Begriff vom Faschismus korrumpiert wurde, sondern weil das »Volk« als politisch agierendes Subjekt der vorbürgerlich-kapitalistischen Vergangenheit angehört. Zwar weist »Volksfront« eine gewisse Analogie zum »frente populär« (und anderen Vokabeln wie »Votksbewegung« bzw. »movimiento popular«) auf, jedoch beinhaltete die »Volksftont« eine Koalition von Parteien, die jeweils konstituierte und entwickelte Klassen repräsentieren, während im »frente populär« dasnicht der Fall ist, außerdem der Begriff »popular« ein stark aktivistisches, selbstbestimmendes Element enthält. Das Wort »Basis« kommt »popular« vielleicht am nächsten. Dabei ist zu beachten, daß damit in der Regel kein Zusammenhang zwischen witschaftlich-sozialen und politischen Elementen, wie in der marxistischen Teminologie, gemeint ist, sondern sich »Basis« in ein »oben-unten«-Schema, einen schematischen Dualismus einordnet. Bei der Verwendung des Wortes »Masse« für »popular« wird auf den Umfang z.B der Bewegung abgestellt, wobei wiederum Begriffsschwierigkeiten auftauchen kennen, da der Begriff »Massenbewegung« und »Massenorganisation« z T. eindeutig belegt ist.

(2) Vgl. dazu die Erläuterung zu dem Beitrag von Mario Garcés und Gonzalo de la Maza in diesen Heft. Auch ergänzt sich deren Beitrag üher die »Protestlage«. in dem die »pobladores« Protagonisten sind, mit diesem über die wirtschaftliche Organisierung der Basis.

(3) »Allegados« (wörtlich: Nahestehende. Verwandte). Üblich gewordene Bezeichnung für neue Siedler, die aufgrund von Informationen über Freunde und Verwandte in die »poblaciones« nachgezogen sind und sich dort bei zunehmender Enge den Wohnraum teilen oder –sofern kein Wohnraum vorhanden- in Zeltlagern im stadtnahen Bereich hausen. Ein Verwandtschafts- oder auch nur Bekkantschaftsgrad spielt dabei eine immer geringere Rolle.

(4) SERVIU = Servicio de Vivienda y Urbanización.

(5) Vergl. auch Rezensionsteil.

(6) Centro de Madres de Chile (CEMA Chile) ist eine »regimetreue« Einrichtung zur »Organisierung« der Frauen, deren Präsidentin Lucía Hiriart de Pinochet, die Frau des Staatspräsidenten, ist.

(7) Der »Comite Pro-Paz« war bis Ende 1975 (d.h bis zum Verbot der Wiedereinreise für den damaligen evangelischen Bischof in Chile, Helmut Frenz) als ökumenische Hilfsorganisation für politisch Verfolgte und »Verschwundene« sowie deren Familienangehörige täting; an seine Stelle trat ab 1976 das Solidaritätsvikariat (Vicaría de la Solidaridad) des Erzbistums von Santiago.

(8) Der »Comité de Solidaridad para el Desarrollo« (COMSODE) fungierte als Unterorganisation des »Comité Pro-Paz«.

 

                                                                                                                                                                                                   Luis Razeto M.

(Veroeffentlicht in der Zeitschriftt LATEINAMERIKA, Nº 2, November, 1984)

(Publicado en la Revista LATEINAMERIKA, Nº 2, Noviembre, 1984)