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SOLIDARWIRTSCHAFT : BEGRIFF, REALITÄT UND PROJECT.

 Diese Arbeit wurde unter dem Titel „La Economía de Solidaridad: Concepto, Realidad y Proyecto“ in der Zeitschrift Persona y Sociedad, Volumen XIII, No 2 August 1999, Santiago de Chile, veröffentlicht.

 Können sich Wirtschaft und Solidarität verbinden?

 Solidarwirtschaft (span. economía de solidaridad / Ökonomie der Solidarität) ist ein Begriff, der erst vor wenigen Jahren aufgetaucht und dennoch schon Teil der lateinamerikanischen Kultur geworden ist. Als wir diesen Ausdruck zu verwenden begannen und ich 1984 das Buch „Solidarische Ökonomie und demokratischer Markt“ veröffentlichte, bemerkte ich, welch ein Erstaunen es hervorrief, die beiden Termini in einem einzigen Ausdruck zusammenzufassen. Die Wörter „Ökonomie“ und „Solidarität“, die sowohl in der Umgangssprache wie auch in der gehobenen Sprache gebräuchlich sind, waren Teil getrennter „Diskurse“. „Ökonomie“ war in eine faktenorientierte Sprache und einen wissenschaftlichen Diskurs eingebettet; „Solidarität“ in eine wertebezogene Sprache und einen ethischen Diskurs. Die beiden Termini erschienen selten in ein und demselben Text, und noch weniger in einem einzigen Gutachten oder Gedankengang. Daher erschien es seltsam, sie in einem einzigen Begriff vereint zu sehen.

 Die Trennung zwischen Ökonomie und Solidarität wurzelt im Inhalt, den man beiden Begriffen für gewöhnlich zuschreibt. Wenn wir von Ökonomie sprechen, beziehen wir uns ganz spontan auf die Nützlichkeit, die Knappheit, die Interessen, das Eigentum, die Bedürfnisse, den Wettbewerb, den Konflikt, den Gewinn. Und obwohl dem wirtschaftlichen Diskurs Bezüge zur Ethik nicht fremd sind, sind die Werte, die normalerweise darin auftauchen jene der Freiheit der Initiative, der Effizienz, der individuellen Kreativität, der Verteilungsgerechtigkeit, der Chancengleichheit, der persönlichen und kollektiven Rechte. Aber nicht die Solidarität oder die Geschwisterlichkeit; und noch weniger die Unentgeltlichkeit.

 Man kann zahlreiche Texte ökonomischer Theorie und Analyse der unterschiedlichsten Strömungen und Schulen lesen, ohne auf die Solidarität zu stoßen. Gelegentlich taucht höchstens das Wort Kooperation auf, aber in einer technischen Bedeutung, die auf die notwendige gegenseitige Ergänzung der Faktoren und Interessen anspielt, nicht auf den freien und unentgeltlichen Zusammenschluss der Willen von Einzelpersonen. Eine Ausnahme dazu findet sich im Diskurs und in der Erfahrung des Kooperativismus; aber dieser, das Gesagte bestätigend, stieß auf große Schwierigkeiten, seinen ethischen und lehrmäßigen Gehalt auf der Ebene der wissenschaftlichen Analyse der Ökonomie geltend zu machen. Schon 1921 drückte Charles Guide diesen Mangel sehr gut in einem berühmten Artikel aus, der bezeichnenderweise folgendermaßen tituliert ist: „ Warum die Ökonomen die Kooperation nicht lieben“.

Ähnlich ergeht es uns, wenn wir von der Solidarität sprechen. Die Idee der Solidarität wird normalerweise im ethischen und kulturellen Aufruf zu Liebe und humaner Geschwisterlichkeit verwendet. Oder man bezieht sich auf die gegenseitige Hilfe, um gemeinsame Probleme zu bewältigen, auf Wohltätigkeit und Großzügigkeit den Armen und Hilfsbedürftigen gegenüber, auf die Zugehörigkeit zu Gemeinschaften, die durch Bande der Freundschaft und Wechselseitigkeit zusammengehalten werden. Dieser Aufruf zur Solidarität, die in der menschlichen Natur verwurzelt ist und daher zum Wesen des Menschen gehört, wie auch immer seine Lage und seine Denkungsart ist, fand seinen höchsten Ausdruck in der spirituellen und religiösen Suche, wie in der christlichen Botschaft der Liebe, wo die Solidarität zu ihrer höchsten und erhabensten Wertschätzung erhoben wurde.

Dennoch, von der Ethik der Liebe und Geschwisterlichkeit her war die Beziehung mit der Wirtschaft nie einfach noch konfliktfrei. Wie in den wirtschaftlichen Aktivitäten das individuelle Interesse und der Wettbewerb, das Streben nach materiellem Reichtum und reichlichem Konsum vorherrscht, so neigen jene, die die Notwendigkeit der Liebe und Solidarität betonen, dazu, Handel und unternehmerische Aktivitäten distanziert und häufig auch mit Misstrauen zu betrachten. Vom ethischen, spirituellen und religiösen Diskurs her gesehen, ist es üblich, zu diesen Aktivitäten eine Beziehung „von außen“ aufzubauen: als Anklage der Ungerechtigkeiten, die in der Wirtschaft entstehen, als Ausübung von Druck, um Korrekturen im etablierten Handeln zu erzwingen sowie in Anstrengungen, die Armut und Unterordnung jener zu mildern, die Ungerechtigkeiten und Marginalisation erleiden, durch Förderprogramme, organisatorische Aktivitäten, Bewusstseinsbildung, etc.

Die Realisierung wirtschaftlicher Aktivitäten als Subjekt, die Konstruktion und Administration von Unternehmen wurde nur schwer und von wenigen als eine praktische Ausübung der christlichen Botschaft gesehen, als eine spezielle Berufung, in der man die evangelischen Werte, Prinzipien und Verpflichtungen konkretisieren kann. Zwar hob man den ethischen und solidarischen Wert der Arbeit hervor, aber man hat dabei nicht ausreichend in Betracht gezogen, dass die Arbeit nur ein Teil der wirtschaftlichen Aktivität ist und sich nur innerhalb von wirtschaftlichen Strukturen und Organisationen realisieren kann; so wurde die positive Wertschätzung der Arbeit häufig zusammen mit scharfen Kritiken am Unternehmen und an der Ökonomie, innerhalb derer sie sich entfaltet, präsentiert.

So kommt es, dass die Aufrufe zu Solidarität, Geschwisterlichkeit und Liebe lange Zeit außerhalb der Ökonomie selbst verblieben. Wir haben diese Distanz in der sozialen Aktion nachgewiesen, die christliche Organisationen unter den Armen realisieren. Obwohl sie für reale wirtschaftliche Organisationen Platz schaffen, werden diese nur schwer als solche anerkannt. Häufig muss man eine bewusste Anstrengung unternehmen, um die Widerstände zu überwinden, den viele der in diesen Erfahrungen Engagiertesten dagegen setzen, damit diese Erfahrungen nicht rein als Ergänzungen oder dringende Hilfsmaßnahmen gesehen werden, sondern auch als eine permanente Art, solidarisch zu wirtschaften.

Viele dieser Widerstände wurden unter uns überwunden, seit Johannes Paul II auf seiner Reise nach Chile und Argentinien, und insbesondere in seiner Ansprache vor CEPAL, die Idee einer „Wirtschaft der Solidarität“ ansprach und sagte, dass er in sie „seine besten Hoffnungen für Lateinamerika setze“. Dieser Aufruf wurde von grundlegender Bedeutung für die Verbreitung und Inkorporation der Idee einer Solidarwirtschaft in Lateinamerika; aber ihr Inhalt bleibt für viele unbestimmt und verschwommen. Die Äußerung des Papstes vermittelt keine ausreichenden Elemente, um eine Idee mit Inhalt zu füllen, von der man sich so viel verspricht. Die Wirtschaft und die Solidarität in einem einzigen Ausdruck zusammenzufügen, ist ein Aufruf zu einem komplexen intellektuellen Prozess, der sich parallel und konvergent in zwei Richtungen entwickeln sollte: einerseits handelt es sich um einen Prozess innerhalb des ethischen und wertebezogenen Diskurses, durch den die Wirtschaft als Raum der Realisierung und Ausübung der Werte und Kräfte der Solidarität wiedergewonnen wird; anderseits geht es darum, innerhalb der Wirtschaftswissenschaft einen Prozess ins Rollen zu bringen, der ihr Räume für die Anerkennung und Realisierung der Idee und des Wertes der Solidarität eröffnet.

 Die Solidarität in die Wirtschaft inkorporieren

 Wenn wir „Solidarwirtschaft“ sagen, wollen wir damit ausdrücken, dass es notwendig ist, die Solidarität in die Wirtschaft einzuflechten, die Solidarität in die Theorie und Praxis der Ökonomie zu inkorporieren.

Wir sagen das ganz bewusst. Nachdem wir gewohnt sind, die Ökonomie und die Solidarität als Teil verschiedener Anliegen und Diskurse zu sehen, neigen wir dazu, die Verbindung zwischen ihnen auf andere Weise herzustellen, wenn wir damit beginnen, sie zusammenzuführen. Man hat uns oft gesagt, wir müssen solidarisch sein, um einige Mängel der Wirtschaft zu mildern, um von ihr erzeugte Löcher aufzufüllen oder um bestimmte Probleme zu lösen, die die Wirtschaft nicht beseitigen konnte. So neigen wir dazu anzunehmen, dass die Solidarität in Erscheinung treten soll, nachdem die Wirtschaft ihre Aufgabe erfüllt und ihren Zyklus vollendet hat.

Zuerst käme die Zeit der Wirtschaft, in der die Güter und Dienstleistungen produziert und verteilt werden. Sobald die Produktion und Verteilung fertig ist, wäre der Moment, in dem die Solidarität in Aktion tritt, um zu teilen und jenen zu helfen, die durch die Wirtschaft benachteiligt wurden und bedürftiger zurückblieben. Die Solidarität begänne, wenn die Wirtschaft ihre Aufgabe und spezifische Funktion erfüllt hat. Die Solidarität würde mit den Ergebnissen – Produkten, Ressourcen, Gütern und Dienstleistungen – der wirtschaftlichen Aktivität geübt, aber die wirtschaftliche Tätigkeit selbst, ihre Strukturen und Prozesse wären nicht solidarisch.

Was wir wollen, unterscheidet sich von dieser Sicht, denn wir wollen, dass die Solidarität in die Wirtschaft selbst eingefügt wird, und dass sie in den diversen Phasen des wirtschaftlichen Zyklus wirksam wird, und zwar in der Produktion, der Zirkulation, dem Konsum und der Akkumulation. Das bedeutet, mit Solidarität zu produzieren, mit Solidarität zu konsumieren, mit Solidarität zu akkumulieren und entwickeln. Und dass sie auch in die Wirtschaftstheorie integriert wird, und so ihre sehr notorische Abwesenheit in dieser Disziplin überwunden wird.

Vor einiger Zeit hörte ich einen berühmten Ökonomen, den man bezüglich Solidarwirtschaft befragte, sagen, es wäre notwendig, dass so viel Solidarität wie möglich existiere, aber dass sie nie in die ökonomischen Prozesse und Strukturen eingreifen dürfe, die dadurch in ihren eigenen Gleichgewichten beeinträchtigt werden könnten. Unsere Idee einer Solidarwirtschaft ist exakt das Gegenteil: dass nämlich die Solidarität derart sei, dass sie von innen und strukturell, die Wirtschaft zu transformieren beginnt, und so neue und echte Gleichgewichte erzeugt.

Wenn dies der tiefe Sinn und wesentliche Inhalt der Solidarwirtschaft ist, stellt sich die Frage, in welchen konkreten Formen sich die aktive Präsenz der Solidarität in der Wirtschaft zeigen sollte. Unsere Eingangsfrage ‚Was ist Solidarwirtschaft’ wird spezifiziert durch eine weitere: ‚Wie kann man solidarisch produzieren, verteilen, konsumieren und akkumulieren?’

Wir können vorweg sagen, dass in der Wirtschaft überraschende Dinge passieren, wenn die Solidarität in sie inkorporiert wird. Es erscheint eine neue Weise zu wirtschaften, eine neue wirtschaftliche Rationalität.

Aber nachdem die Wirtschaft so viele Aspekte und Dimensionen hat und sich aus so vielen verschiedenen Subjekten, Prozessen und Tätigkeiten zusammensetzt, und nachdem die Solidarität so viele Weisen hat, in Erscheinung zu treten, wird die Wirtschaft der Solidarität nicht eine eng definierte und einzige Weise sein, wie die wirtschaftlichen Aktivitäten und Einheiten organisiert werden können. Es wird darum gehen, mehr Solidarität in die Unternehmen, in den Markt, in den öffentlichen Sektor, in die politische Ökonomie, in den Konsum, in die Sozial- und Personalausgaben etc. zu bringen.

Wir sagten „mehr“ Solidarität in alle diese Dimensionen und Facetten der Wirtschaft zu bringen, weil es notwendig ist anzuerkennen, dass in ihr bereits etwas an Solidarität existiert, obwohl man sie nicht ausdrücklich anerkannt hat. Wie sollten wir nicht Erscheinungsformen der Solidarität unter den Arbeitern in einem Unternehmen anerkennen, die kollektiv verhandeln, auch wenn Arbeiter größerer Produktivität bessere Bedingungen aushandeln könnten, wenn sie es individuell machten, oder wenn einige ihre Arbeit riskieren, um für alle Verbesserungen zu erzielen? Oder unter den Technikern, die in Teams arbeiten und so ihr Wissen teilen oder an weniger Qualifizierte weitergeben? Oder ist es kein Ausdruck von Solidarität, wenn einige Unternehmer auf höhere Gewinne verzichten und Arbeitsplätze, ohne die sie auskommen könnten, erhalten, aus Sorge um die Auswirkungen der Entlassungen auf die Personen und Familien, die sie kennen und schätzen lernten?

Man wird sagen, dass so etwas sehr selten geschieht, oder dass die Motive selten genuin humanitär sind, und das mag auch stimmen. Aber Tatsache ist, dass solidarische Beziehungen und solidarisches Verhalten existiert. Übrigens hat die Solidarität Abstufungen, und es wäre ein Irrtum, sie nur in ihrer edelsten und reinsten Verkörperung anzuerkennen.

Man sagt, und es stimmt, dass der Markt so funktioniert, dass jedes Subjekt seine Entscheidungen gemäß dem eigenen Nutzen trifft. Aber die Existenz des Marktes selbst, zeigt sie etwa nicht die unleugbare Tatsache auf, dass wir uns gegenseitig brauchen und dass wir tatsächlich füreinander arbeiten? Bleiben etwa nicht jene Produzenten vom Markt ausgeschlossen, die nicht sehr darauf bedacht sind, die realen Bedürfnisse ihrer potentiellen Kunden in guter Weise zu befriedigen?

Diese teilweise Präsenz der Solidarität in der Wirtschaft erklärt sich aus der Tatsache, dass die wirtschaftlichen Organisationen und Prozesse das Resultat der realen und komplexen Handlungen von Menschen sind, die in ihre Aktivität alles legen, was in ihnen ist, und die Solidarität ist etwas, das, in irgendeinem Ausmaß, in jedem menschlichen Wesen vorhanden ist.

Mit all dem wollen wir sicherlich nicht behaupten, dass die aktuelle Wirtschaft solidarisch ist. Im Gegenteil, ihre Analyse zeigt uns eine soziale und wirtschaftliche Organisation, in der individuelle private Interessen mit den Interessen der Bürokratien und des Staates um die Vormacht konkurrieren, in einem Beziehungsschema, das auf Gewalt und Kampf, auf Wettbewerb und Konflikt basiert, und die die gemeinschaftlichen Anliegen sowie Beziehungen der Kooperation und Solidarität auf einen sehr sekundären Platz zurückschieben. Die Hauptsubjekte der wirtschaftlichen Aktivität werden vom Gewinnstreben, von der Angst vor den anderen und von der Macht motiviert, mehr als von Liebe und Solidarität aller. Die erwähnte Präsenz der Solidarität in der Wirtschaft ist sicherlich allzu wenig und armselig, aber es ist unabdingbar notwendig sie anzuerkennen, aus drei fundamentalen Gründen.

Erstens wegen der Erfordernis wissenschaftlicher Objektivität. Zweitens, weil, wenn es tatsächlich nichts an Solidarität in der Wirtschaft gäbe, wir nicht sähen, wie es möglich wäre, die Solidarwirtschaft als mögliches Projekt zu sehen. Sie zu konstruieren würde ja das Glück implizieren, sie ex nihilo, aus dem Nichts zu erschaffen. Wo soll man jene Solidarität hernehmen, die man in die Wirtschaft einfügen will, und wie will man sie einfügen, wenn sie so vollständig außerhalb der Wirtschaft ist und nicht einmal in ihrer schwächsten Ausprägung vorhanden? Dann bliebe uns nichts übrig als anzuerkennen, dass die Wirtschaft und die Solidarität definitiv in ihrem gegenseitigen Ausschluss und ihrer Trennung verbleiben müssen.

Ein dritter Grund, warum es wichtig ist, die Präsenz eines Minimums an Solidarität in den Unternehmen und im Markt anzuerkennen, ist die Notwendigkeit, etwas zu vermeiden, was ein schweres Missverständnis wäre: zu denken, dass die Solidarwirtschaft etwas komplett Gegensätzliches zur Unternehmens- und Marktwirtschaft ist. Wir denken das Projekt einer Solidarwirtschaft nicht als Negation der Marktwirtschaft oder als Alternative zu den Unternehmen. Das zu tun, wäre vollständig ahistorisch und auch dem Menschen, wie er ist und sein kann, fremd.

Die Solidarwirtschaft ist keine Negation der Marktwirtschaft; aber genauso wenig ist sie ihre einfache Reaffirmation. In dem Maße, in dem wir auf ihren Wegen voranschreiten und sie zunehmend schätzen, entfaltet sie eine sehr kritische und entschieden verändernde Wirkung auf die großen Strukturen sowie Organisations- und Aktionsformen, die die derzeitige Wirtschaft charakterisieren.

 Die zwei Dimensionen der Solidarwirtschaft

 Wenn die Solidarwirtschaft darin besteht, Solidarität in die Wirtschaft zu bringen, wird sie sich in verschiedenen Formen, Graden und Ebenen zeigen, entsprechend der Form, den Grad und der Ebene, in der die Solidarität sich in den Aktivitäten, Einheiten und ökonomischen Prozessen zeigt. Daher können wir in ihr und im Prozess ihrer Entwicklung zwei große Dimensionen unterscheiden.

Einerseits wird es die Solidarwirtschaft in dem Maße geben, in dem in den verschiedenen Strukturen und Organisationen der globalen Ökonomie die Präsenz der Solidarität durch die Handlung der Subjekte, die sie organisieren, wächst. Anderseits realisiert sich die Solidarwirtschaft in einem speziellen Sektor oder Teil der Ökonomie: in jenen Aktivitäten, Unternehmen und Wirtschaftskreisläufen, in denen die Solidarität in intensiver Weise präsent wurde und wo sie als ausdrückliches Element der Prozesse der Produktion, Verteilung, Konsum und Akkumulation operiert.

Beide Prozesse werden sich gegenseitig nähren und bereichern. Ein einzelner Sektor der Solidarwirtschaft wird folglich systematisch und methodisch Solidarität in die globale Ökonomie einbringen können, und sie so solidarischer und integrierter machen. Anderseits wird eine globale Ökonomie, in der die Solidarität weiter verbreitet ist, spezielle Elemente und Möglichkeiten für die Entwicklung eines speziellen Sektors wirtschaftlicher Aktivitäten und Organisationen zur Verfügung stellen.

Auf der einen oder anderen Ebene lädt uns die Solidarwirtschaft alle ein. Sie wird sich nur in dem Maß ausbreiten können, in dem die Subjekte, die wirtschaftlich handeln, solidarischer sind, denn jede wirtschaftliche Aktivität, jeder Prozess und jede Struktur ist das Resultat der Handlung des individuellen und sozialen menschlichen Subjekts.

Damit sich die Solidarwirtschaft ausweiten kann, ist es notwendig, dass wir ihren Nutzen, ihre Zweckmäßigkeit und sogar Notwendigkeit, sie zu konstruieren, sehr gründlich verstehen. Viele Männer und Frauen, viele menschliche Gruppen, haben praktische Wege unternommen, um mehr Solidarität in die Wirtschaft zu bringen, und so wurde und wird Solidarwirtschaft sowohl auf globalem Niveau als auch in den speziellen wirtschaftlichen Sektoren konstruiert. Solche Prozesse begegnen sicherlich vielen Hindernissen und Schwierigkeiten und müssen sich gegenüber gegensätzlichen Tendenzen behaupten, die heute die vorherrschenden sind. Aber was sie machen, wird sicher Resultate zeitigen und Spuren eröffnen, denen andere dann leichter nachfolgen können. Ihre Motive und die Wege, die sie bei ihren Experimenten gehen, zu kennen, kann uns reichlich Anregungen und Gründe liefern, sie in ihrer Arbeit nicht zu behindern, sondern sie positiv zu unterstützen und uns ihrer Suche anzuschließen.

Die Motive und Wege jener Gruppen kennen zu lernen und uns ihren Erfahrungen anzunähern, wird uns auch besser verstehen helfen, was die Formen und Inhalte einer Solidarwirtschaft sind, wenn sie konsequent entwickelt wird.

Wir  stellen uns die Solidarwirtschaft wie einen großen Raum vor, in den man aus verschiedenen Wegen zusammenströmt, Wege, die von verschiedenen Situationen und Erfahrungen ausgehen; oder wie ein großes Haus, in das man mit verschiedenen Motivationen durch verschiedene Türen eintritt. Diverse menschliche Gruppen teilen diese Motivationen und durchschreiten diese Wege, und erproben verschiedene Weisen, Solidarwirtschaft zu betreiben.

 Der Weg der Armen und der economía popular (Wirtschaft des Volkes)

Ein erster Weg zur Solidarwirtschaft geht von der Situation der Armut und Marginalisierung aus, in der sich große soziale Gruppen befinden.

Die Armut ist natürlich kein neues Phänomen; aber in den vergangenen Jahrzehnten scheint sie sich in praktisch allen lateinamerikanischen Ländern ausgebreitet zu haben. Sie hat sich, was das Ausmaß der betroffenen Bevölkerung betrifft, ausgeweitet, die beständig gewachsen ist und in einigen Ländern Prozentsätze erreicht hat, die 60 % der Bevölkerung überschreiten, und sie hat sich vertieft, was die Radikalität und die Intensität betrifft, die sie annimmt. Man beobachtet eine wachsende Distanz im Niveau der Lebensführung, die die Reichen und Armen der Region trennt. Diese Expansion der Armut hat tiefe strukturelle Gründe, in der Reduktion der Kapazitäten der Staaten, um Lösungen für die sozialen Probleme zu schaffen, und in der Betonung der Rolle des Marktes bei der Zuteilung der Ressourcen und Verteilung der Einkünfte. Beide Phänomene zusammen haben eine gewaltige Konzentration des Reichtums bewirkt, zusammen mit vermehrten Prozessen der Marginalisierung und des Ausschlusses großer sozialer Sektoren.

Als Konsequenz davon haben viele Personen und soziale Gruppen mit einem ernsten Subsistenzproblem zu kämpfen. Von der offiziellen Wirtschaft an den Rand gedrängt, müssen sie wahre Überlebensstrategien entwickeln, und realisieren jedwede Art informeller wirtschaftlicher Aktivität, um auf eigene Rechnung Einkünfte zu erzielen, die ihnen die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse ermöglichen.

So entstand aus der Realität der Armut die economía popular (Wirtschaft des Volkes), die einen wirklichen Prozess der Aktivierung und wirtschaftlichen Mobilisierung der Welt des Volkes darstellt. Die besagte economía popular verbindet Ressourcen und Kapazitäten eher traditionellen Charakters mit anderen eher modernen, was Fertigkeiten, Technologien, Organisation und Vermarktung betrifft, und das Resultat ist eine unglaublich heterogene und bunte Vervielfältigung von Aktivitäten, die darauf ausgerichtet sind, die Subsistenz und das tägliche Leben zu sichern. Sie arbeitet und verbreitert sich, indem sie Nischen und Gelegenheiten sucht, die sie im Markt findet, sie profitiert von den Sozialausgaben und Ressourcen, die von den öffentlichen Diensten und Unterstützungen zugeteilt werden, sie verknüpft sich mit Erfahrungen, die von Nichtregierungsorganisationen beigestellt werden, und manchmal ist sie sogar erfolgreich, wirtschaftliche Beziehungen zu rekonstruieren, die in der Reziprozität und der Kooperation ihre Basis haben, wie sie in traditionelleren Formen wirtschaftlicher Organisation vorherrschten. Diese Wirtschaft des Volkes in ihren verschiedenen Erscheinungsformen und Ausprägungen enthält wichtige Elemente der Solidarität, und es ist wichtig, diese anzuerkennen und hervorzuheben. Es gibt in ihr Solidarität, erstens weil die Kultur der ärmeren sozialen Gruppen natürlicherweise solidarischer ist als jene der Gruppen mit höheren Einkommen. Die Erfahrung der Armut, die Erfahrung der Notwendigkeit, täglich das Überleben zu sichern, bringt viele dazu, die große Bedeutung dessen zu erfahren, wie wichtig es ist, das Wenige, das man hat, zu teilen, Gemeinschaften und Gruppen gegenseitiger Hilfe und des Schutzes zu bilden. Die Armen wirtschaften auf ihre Weise, mit ihren Werten, ihrer Art zu denken, zu fühlen, sich zu verbinden, zu handeln.

Dazu kommt die Tatsache, dass jede Person oder Familie, da sie ja über so knappe Ressourcen zur Realisierung ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten verfügt, die Nächsten braucht, die ebenso vor der Notwendigkeit stehen, die Arbeitskraft, die materiellen und finanziellen Mitteln, die technischen Kenntnisse, die Fähigkeiten zur Geschäftsführung und Organisation, kurz ein Minimum an unverzichtbaren Faktoren aufzutreiben, um eine kleine wirtschaftliche Einheit zu schaffen, die ihnen eine gangbare wirtschaftliche Tätigkeit ermöglicht. So ist es nicht schwierig, auf den öffentlichen Märkten, unter den armen Handwerkern, unter den kleinen Geschäftsleuten und ihren lokalen Kunden bedeutende Elemente der Solidarität zu finden. Zumindest ein Teil dieser wirtschaftlichen Organisationen scheint auch Träger einer speziellen wirtschaftlichen Rationalität zu sein, einer internen Logik, die sich auf eine Art von Verhalten und von sozialen Praktiken gründet, in denen die Solidarität einen zentralen Platz und eine zentrale Funktion hat. Diese Erfahrungen zeigen, dass es ausreichend Vorteile gibt, die man mittels des Zusammenschlusses und der Kooperation unter Personen und individuellen und kleinen wirtschaftlichen Aktivitäten erreichen kann: man kann zum Beispiel bessere Preise bei der Beschaffung erreichen oder produktive Aktivitäten ergänzen und so Kosten reduzieren, oder Zwischenhändler durch gemeinsame Vermarktung umgehen oder durch gegenseitige Bürgschaft einen Zugang zu einem Kredit erreichen oder durch den Austausch von Erfahrungen neue Produktions- und Geschäftsführungstechniken lernen, etc.

Der Weg der Solidarität mit den Armen und die sozialen Förderprogramme (promoción social)

Die Realität der Armut eröffnet einen Weg zur Solidarwirtschaft aber nicht nur durch die Anstrengungen der Armen selbst, die ihre Nöte und Probleme zu bewältigen haben. Auch das Wissen über die Welt der Armen und der direkte Kontakt mit ihr von Seiten der Personen und Institutionen, die sich wegen ihrer eigenen Möglichkeiten und besseren Lebensbedingungen privilegiert fühlen, bewegt viele, die Solidarität in ihr wirtschaftliches Handeln einzubinden. In gewissem Sinn können wir sagen, dass dieser Weg von einer Situation des Reichtums ausgeht – Personen, die ein Übermaß an Ressourcen haben, ein gehobenes professionelles Niveau, etc. – was die Großzügigsten unter ihnen dazu bewegt, eine solidarisches Engagement einzugehen.

In wirtschaftlichen Termini drückt sich die Solidarität dieser Sektoren in Form von Geschenken (Donationen) aus. Sie hat zahlreiche gemeinnützige Institutionen hervorgebracht, die die Spenden kanalisieren, verteilen, vermitteln, verwalten,  und führte auch zu komplexen Kreisläufen von Produktion und Verteilung von Gütern und Dienstleistungen, die als eine wahre Wirtschaft institutioneller Donationen angesehen werden können.

Jede Institution, die Spenden vermittelt, kann sich als eine wirtschaftliche Einheit sehen, die Teil der Ökonomie der Solidarität ist und die größte Bedeutung für deren Entwicklung hat. Die Institutionen, die gemeinnützig genannt werden, sind wirkliche solidarische Unternehmen, die sich von den Unternehmen des Marktes grundsätzlich dadurch unterscheiden, dass sie Spenden für dritte und nicht für sich selbst auftreiben, und dass sie in ihrer Art des Seins und des Handelns eine solidarische ökonomische Rationalität verkörpern.

Der Weg der Arbeit

Ein dritter Weg zur Wirtschaft der Solidarität geht von der Welt der Arbeit aus. Die Arbeit in jeder ihrer Formen und trotz der sozialen und technischen Teilung, die sie erfahren hat, ist in gewissem Maß und Sinn immer eine soziale Aktivität. Mit der Ausnahme von einigen einfachen und handwerklichen Arbeiten, die von Individuen verrichtet werden können, erfordern die meisten Arbeitsprozesse die Ergänzung und aktive und direkte Kooperation von vielen Arbeitern. Daher erzeugt die Arbeit natürlich Bande der Solidarität unter denen, die sie realisieren. Diese Solidarität entsteht aus verschiedenen Motiven, die sich gegenseitig verstärken.

Einerseits aufgrund der technischen Notwendigkeit der gegenseitigen Ergänzung verschiedener Aufgaben, Funktionen und Rollen. Anderseits weil sich jene Arbeiter, die im selben produktiven Prozess partizipieren, auf einer Ebene der Gleichheit und Horizontalität befinden. Schließlich insofern es eine allgemeine menschliche Erfahrung ist, dass das gemeinsame Tun, das Teilen ähnlicher Ziele und Interessen, die ähnlichen Lebensbedingungen, das Erfahren derselben Probleme, Bedürfnisse und praktischen Situationen, das Zusammenleben am selben Ort über längere  Perioden und das Engagement und die Zusammenarbeit am selben Werk Situationen sind, die zum Entstehen von Beziehungen der Kameradschaft und Freundschaft unter jenen führen, die sie erleben.

Aus all diesen Gründen fließen zwischen der Arbeit und der Solidarität Werte und Energien, die beide gegenseitig stärken. Man kann sagen, dass die Kultur der Arbeit viele Elemente der solidarischen Kultur enthält, in derselben Weise, wie eine Kultur der Solidarität auch eine Kultur der Arbeit beinhaltet.

Auf dem Weg , der von der Arbeit zur Solidarwirtschaft führt, werden unterschiedliche Erfahrungen durchlaufen. Dazu gehören jene von solchen Arbeitern, die keine befriedigende Beschäftigung am Arbeitsmarkt finden und die auf der Suche nach einer anderen Form von Arbeit und besseren Arbeitsbedingungen mit Formen von autonomer oder unabhängiger Arbeit experimentieren und ihre eigenen wirtschaftlichen Einheiten schaffen. Viele dieser Erfahrungen mit autonomer Arbeitsorganisation bilden den Beginn von solidarischen Wirtschaftsformen, in denen die Arbeit zentrale Positionen einnimmt. Andere Erfahrungen sind die jener Menschen, die die Würde und menschliche Erfüllung der Arbeit wiederzugewinnen suchen und Experimente mit assoziativer Arbeit entwickeln, in selbstverwalteten Betrieben und Kooperativen von Arbeitern. Auf dem Gebiet der bezahlten und abhängigen Arbeit schließlich sind es die gewerkschaftlichen Organisationen und Kammern, in denen die Arbeiter ihre gemeinsamen Interessen und Bestrebungen verteidigen und verfolgen und die verschiedene Formen der Teilnahme und solidarischer Aktionen hervorbrachte. Durch diese unterschiedlichen assoziativen und gemeinschaftlichen Ausprägungen von Arbeit wird permanent etwas an Solidarität in die Unternehmen und in die Wirtschaft im Allgemeinen hinein gebracht.

Der Weg sozialer Partizipation

Ein vierter Weg, der zur Wirtschaft der Solidarität führt, wurzelt im Bestreben nach Teilhabe, das viele Personen, Gruppen, Organisationen und Gemeinschaften in den verschiedensten Arten sozialen Umfelds entfalten. Viele, insbesondere unter den Armen, den Jungen, den Frauen, den aus verschiedenen Gründen Diskriminierten, streben danach, als Protagonisten in den Organisationen, deren Teil sie sind, und in den verschiedensten Instanzen des wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Lebens teilzunehmen, weil dort wichtige Entscheidungen, die ihr Leben beeinflussen, getroffen werden.

Aus Situationen und Erfahrungen der Marginalisierung und Entfremdung tauchen beständig Initiativen auf, die die soziale Partizipation auf verschiedenen Ebenen zu motivieren, fördern und verwirklichen suchen und so soziale Organisationen verschiedenster Typen und Organisationsformen hervorbringen.

Die Partizipation ist Ausdruck der Solidarität, in dem sie diese schafft und verstärkt. Sie ist Ausdruck der Solidarität in dem Maß, in dem durch sie eine integrierende Aktivität vollzogen wird, die die Personen in einem Unternehmen und gemeinsamen Projekt verpflichtet, in deren Realisierung und Entwicklung Verantwortung zu übernehmen und zu teilen. Die Partizipation bildet kollektive, assoziative und gemeinschaftliche Subjekte, die ihr Gewissen und ihren Willen, ihre Ideen und Ziele, ihre Interessen und Bestrebungen bei Entscheidungen bezüglich der Aktivitäten und Prozesse, die sie betreffen, einbringen. Die Partizipation ihrerseits schafft und verstärkt Bande, Beziehungen und Werte der Solidarität unter jenen, die sie realisieren und in den Organisationen, die an ihrer Ausübung beteiligt oder von ihr betroffen sind, und durch die Entscheidungen selbst, die durch sie getroffen wurden. Die Partizipation impliziert ganz wesentlich einen Prozess beständiger Kommunikation, des Austauschs von Erfahrungen und Informationen, der Suche nach einem Konsens, indem jeder einzelne seine Ziele, Ideen, Interessen und Bestrebungen in die Gemeinschaft einbringt. Im Prozess der Partizipation und der Suche nach den geeignetsten Entscheidungen, entsteht eine Annäherung der Gewissen und des Willens der teilnehmenden Subjekte.

Die soziale Teilhabe kann auf zwei Arten konzipiert sein: als Kooperation der Geführten bei der Ausübung von Autorität und als Form assoziativer und gemeinschaftlicher Geschäftsführung. In beiden Fällen und auf jeder beliebigen Ebene sozialer Organisation, auf der sie verwirklicht wird, inkorporiert die Partizipation Solidarität in die Wirtschaft, indem sie sie in jenem so wichtigen und zentralen Bereich wie Geschäftsführung und Leitung der Prozesse präsent und wirksam macht.

 Der Weg der transformierenden Aktion und des Kampfes für soziale Veränderungen

Ein fünfter Weg, der zur Wirtschaft der Solidarität führt, ist Teil jenes „sozialen Gewissens“, der sich in der Aktion oder den Kampf für die Veränderung sozialer Strukturen ausdrückt.

Ein großer Teil der menschlichen Intelligenz hat sich damit beschäftigt, Projekte einer „neuen Gesellschaft“ auszuarbeiten und Wege und Strategien für deren Realisierung zu identifizieren. Zahlreich sind die sozialen und politischen Organisationen, die gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken planen oder neue soziale Beziehungen konstruieren wollen, wofür sie – mit verschiedener ideologischer Ausrichtung und Perspektive – eine Vielzahl von Aktionen und Kämpfe entfalten, die zahlreiche Personengruppen miteinander verbinden. In jeder menschlichen Gesellschaft existiert eine transformierende Energie, die Spannungen, Suchbewegungen, Aktionen und Konflikte erzeugt, die die Gesellschaft dynamisch machen, die Selbstgefälligkeit der etablierten Ordnung behindern und die menschliche Erfahrung auf neue Wege hin ausrichten.

In der modernen Epoche waren die hauptsächlichsten Energien der Veränderung daraufhin orientiert, das herrschende „ökonomische System“ zu verändern, das als kapitalistisch definiert ist und an dem man die Wertestruktur kritisiert, die es unter den Menschen und durch die ganze Gesellschaft erzwingt und verbreitet (Utilitarismus, Individualismus, Konsumismus, etc), wie auch die auflösenden Auswirkungen, die es in der sozialen Organisation hat (Trennung der sozialen Klassen, regressive Verteilung des Reichtums, Ausbeutung der Arbeit, etc.), abgeleitet von der Konzentration des Eigentums und der Unterordnung der Arbeit unter das Kapital.

Unabhängig vom Urteil, das uns die verschiedenen Projekte sozialer Transformation, die in der modernen Epoche versucht wurden, zu verdienen scheinen - das wiederkehrende Scheitern, die Unvollkommenheiten, ihre ideologischen und politischen Deformierungen -, kann man doch nicht umhin anzuerkennen, dass sie praktisch alle von der Absicht, eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft zu konstruieren, geleitet worden sind, und dass sie in ihrer Entwicklung bemerkenswerte Erscheinungen von Solidarität hervorgebracht haben.

Wenn zur Zeit verschiedene Gruppen, die sich nach tiefgreifenden sozialen Veränderungen sehnen, desorientiert sind; wenn die Projekte, die die Kämpfe für eine bessere Welt geleitet haben, gescheitert sind; wenn die Resultate von so viel Kampf und Anstrengung gemessen an der Logik der Politik und der Macht ihr Ungenügen gezeigt haben; wenn trotz all dem ein Prozess tiefen sozialen Wandels umso notwendiger und dringender wird; wenn sich eine neue Art gesellschaftsverändernder Aktion in ihren Inhalten und Formen abzuzeichnen beginnt, die sich in und von der Zivilgesellschaft her entwickelt, eröffnet die Suche, die sich an der Perspektive der Solidarwirtschaft orientiert, einen originellen Weg und eine neue Hoffnung, der viele zu folgen beginnen.

Sie ist auch kohärent mit dem Ziel, das in den meisten sozialen Kämpfen im Vordergrund stand, nämlich eine neue Art von Wirtschaft zu schaffen, die sich von der kapitalistischen Wirtschaft unterscheidet, an der die Ausbeutung und Unterordnung der Arbeit, die Trennung der sozialen Klassen, die so ungleiche Verteilung des Reichtums, der übertriebene Individualismus und Konsumismus kritisiert wird. Sie steht auch in Einklang mit den Werten, die die ganze moderne Geschichte hindurch die Suche und die Projekte sozialer Veränderung geleitet haben: die Freiheit, die Gerechtigkeit, die Geschwisterlichkeit, die Partizipation. Die Wirtschaft der Solidarität realisiert diese Werte in der täglichen Realität, und ihre Aktion wird nicht durch vorgebliche Abkürzungen vom Weg abgebracht, die ihre Realisierung aufschieben, bis die Ziele der politischen Macht in Hinblick auf angestrebte totale Veränderungen erreicht sind.

Die Motivationen, die transformierende Energien hervorbringen, finden in ihr passende Flussbette. In der Solidarwirtschaft finden die sozialen Sektoren, die in der etablierten sozialen und wirtschaftlichen Ordnung benachteiligt und übergangen werden, in der Tat Platz und Möglichkeiten, ihre Situation zu verbessern und zu partizipieren. In sie können jene ihren ganzen kreativen Beitrag einbringen, die danach streben, das Leben und die soziale Ordnung mit Ideen und höheren Werten zu imprägnieren.

 Der Weg alternativer Entwicklung

Ein sechster Weg, der auf die Perspektive der Solidarwirtschaft hin orientiert ist, entspringt aus der Sorge um die wirtschaftliche Entwicklung. Seit einiger Zeit begann man von der Notwendigkeit einer „anderen Entwicklung“ zu reden, einer alternativen, nachhaltigen, integralen Entwicklung. Deswegen, weil die wirtschaftliche Entwicklung, wie sie sich in der modernen Welt gegeben hat, an Grenzen gekommen zu sein scheint, die, wenn man sie überschreitet, mehr Probleme als Vorteile bringen: ökologische Ungleichgewichte, soziale Desintegration, eine tendenzielle Verschlechterung der Lebensqualität, Sinnverlust, etc.

Eine andere Entwicklung bedeutet eine andere Wirtschaft. Und diese andere Wirtschaft, die uns zur ersehnten Entwicklung führen kann, wird aus verschiedenen Richtungen und Erwägungen zusammenlaufenden und muss solidarischer sein als die aktuelle. Wenn man an eine alternative Entwicklung denkt, scheint es offensichtlich zu sein, dass dies eine Entwicklung der wirtschaftlich weniger entwickelten Sektoren impliziert; dass sie ökologisch nachhaltig sein muss; dass sie zu einem höheren Niveau sozialer Integration führen muss; dass sie von Werten der Gerechtigkeit und der Solidarität geleitet sein muss. Aus all diesen Blickpunkten, präsentiert sich das Konzept der Solidarwirtschaft als ein geeigneter Weg, von dem aus man einen substanziellen, unverzichtbaren und effizienten Beitrag bewirken kann.

 Der Weg der Ökologie

Ein siebenter Weg in Richtung einer solidarischen Wirtschaft entspringt der wachsenden Sorge um die Umwelt und dem Bewusstsein, dass die ökologischen Ungleichgewichte von der Wirtschaft ausgehen.

Das ökologische Problem entsteht aus der Beziehung des Menschen mit der Natur;  eine Beziehung, die im Unterschied zu jener, die die Tiere mit ihr herstellen, nicht direkt und natürlich ist: sie wird durch die Wirtschaft vermittelt. Zwischen dem Menschen und die Natur erheben sich in der Tat die komplexen und dynamischen Prozesse der Produktion, Verteilung, des Konsums und der Akkumulation. Die Wirtschaft ist im wesentlichen ein Prozess des vitalen Austausches zwischen Mensch und Natur, durch den beide transformiert werden.

Bis vor einigen Jahren herrschte eine optimistische Auffassung von diesem Transformationsprozess. Man nahm an, dass die Tätigkeit des Menschen in der Natur einen Prozess der Humanisierung der Welt bedeutete, der eine Folge der Inkorporierung des Menschlichen in die natürliche Welt sei. Mittels seiner Intelligenz, seiner Vorstellungskraft, seiner Kreativität, Wissenschaft und Arbeit würde der Mensch die natürliche Landschaft in eine humane Landschaft verwandeln, mit größerer Achtung vor der Natur und dem Menschen selbst. Das ökologische Problem hat diese progressive Hypothese radikal zu hinterfragen begonnen. Die Schäden an der Umwelt lassen uns schmerzhaft entdecken, dass der Prozess der Transformation der Natur durch die Technologie und die menschliche Arbeit nicht immer positiv ausgeht, sondern im Gegenteil Ungleichgewichte produzieren kann, die den Menschen selbst betreffen und die sogar die Bewohnbarkeit der Erde zerstören könnten.

Die Erforschung der ökonomischen Gründe der Umweltzerstörung zeigt immer deutlicher, dass sie fundamental mit der individualistischen, wettbewerbsgetriebenen und konfliktgeladenen, konzentrierenden und ausschließenden Art einer nur sehr wenig solidarischen Wirtschaft zu tun haben, die sich nicht um die ernsten sozialen und ökologischen Auswirkungen kümmert. Und wenn man konkrete Lösungen für die Umweltprobleme sucht, dann denkt man immer häufiger und mit größerer Klarheit daran, auf solidarischere Art und Weise zu produzieren, zu verteilen, zu konsumieren und zu akkumulieren als derzeit.

Wenn man Solidarität in die Wirtschaft einbindet, scheint es, dass sich die wirtschaftlichen Aktivitäten in eine ökologisch gesunde Richtung wenden. Damit die Wirtschaft nicht eine Umweltzerstörung mit sich bringt sondern eine humanisierende und harmonische Transformation der Natur, ist es in der Tat notwendig, dass wir uns um die Auswirkungen kümmern, die unsere Entscheidungen und Handlungen auf die anderen haben, wenn wir produzieren und arbeiten, die Ressourcen und natürlichen Energien nutzen, uns den Reichtum aneignen und sozial verteilen, die für unsere Bedürfnisbefriedigung notwendigen Produkte konsumieren, Überschüsse erzeugen und anhäufen, die uns in der Zukunft dienen sollen, und dass wir Verantwortung übernehmen für die Bedürfnisse der ganzen Gemeinschaft, inklusive der zukünftigen Generationen.

So beginnen jene zu experimentieren, die die Ursachen und die Tiefe der ökologischen Probleme verstanden haben und die wirkungsvollen Mitteln zu ihrer Überwindung suchen. Diese Suche führt in die gleiche Richtung, in der die Solidarwirtschaft voranschreitet.

 Der Weg der Frau und der Familie

Ein achter Weg in Richtung einer Wirtschaft der Solidarität entspringt aus der Geschlechterproblematik und der Krise der Familie. Die Veränderungen in der Beziehung zwischen den Geschlechtern, die die Situation der Frau betrafen und betreffen, und die Organisation der Familie stellen einen Prozess kultureller Transformation dar, den wir als einen der wichtigsten unserer Epoche ansehen können. Damit erscheinen eine Reihe neuer Phänomene und Tendenzen im täglichen Leben, im Verhalten und in den sozialen Beziehungen und auch in den wirtschaftlichen und politischen Aktivitäten.

Aus der Realität der Familie in der Krise und aus der Situation der Frau entsteht die Möglichkeit eines Prozesses der Gesundung der Persönlichkeit und der Gemeinschaft gleichzeitig; ein Prozess, der sich aus verschiedenen Gründen auch an der Perspektive der Solidarwirtschaft orientiert. In der Tat hat die Krise der Familie bestimmte Gruppen von Personen dazu bewegt, mit anderen Formen von Arbeit, Produktion und Konsum zu experimentieren. Wenn in einem großen Ausmaß die Reduktion und Krise der Familie sowie die geschlechtliche Diskriminierung ein Resultat einer bestimmten Art die Wirtschaft zu organisieren war,  wird es in einer anderen wirtschaftlichen Organisation sein, dass die Frau und die Familie ihre Berufung in größerer Fülle verwirklichen können. Und viele beginnen zu entdecken, dass es  innerhalb einer Solidarwirtschaft möglich wird, Bedingungen für eine Erholung der Familie als soziale Einheit zu schaffen, die ihre wahre Berufung und vollen Sinn realisiert, und für eine neue Eingliederung der Frau in die Arbeit und Gesellschaft, die weder unterordnend noch diskriminierend ist.

 Der Weg der indigenen Völker

Ein neunter Weg zur Solidarwirtschaft ist jener, der seinen Ursprung bei den indigenen Völkern und ethnischen  Gruppen des Kontinents nimmt, bei den verschiedenen indigenen Gemeinschaften, die ihre eigene uralte Kultur retten und ihre traditionelle Art zu leben wieder herstellen wollen. Die indigenen Gruppen bilden in Lateinamerika einen bedeutenden Anteil an der Bevölkerung. Es handelt sich nicht um ein einziges Volk mit homogenen ethnischen und kulturellen Charakteristika, sondern um einen Archipel von Völkern und Gemeinschaften, die alle ihre eigene Sprache haben, ihre eigene Geschichte, Kultur, Religion und Lebensweise. Keines von ihnen hat seine Traditionen intakt bewahrt, weil sie in vielen Fällen die zerstörerische Auswirkung der Eroberung und Kolonisierung erleiden mussten und in der Folge die zersetzenden Auswirkungen der Unterordnung unter die nationalen Staaten, den Kontakt mit der Industrialisierung und ihre Interaktion mit den modernen Märkten. Aber die Werte, die ihre traditionellen Kulturen strukturierten, bleiben in ihnen vorhanden und lebendig.

In den vergangenen Jahren haben die indigenen Völker gesehen, wie sich ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Marginalisierung verstärkt hat, als Folge der Restrukturierung der nationalen Wirtschaften im Zuge der Prozesse der Modernisierung und der damit einhergehenden Anstrengungen, die lateinamerikanischen Ökonomien in die Weltmärkte einzugliedern. Diese Erfahrung der Marginalisierung hat in vielen von ihnen eine gewisse Tendenz erweckt, ihre traditionelle Art zu wirtschaften wieder mehr zu schätzen, sei es als Reaktion gegen das Wirtschaftsmodell, das sie ausschließt, oder aus der einfachen Notwendigkeit, in einer feindlichen Umgebung zu überleben. Es ist auch die Art und Weise, in der dieselben indigenen Völker, oder Teile innerhalb von ihnen, ihre Identität behaupten, angesichts der Bedrohung, die die kulturelle Homogenisierung durch die sozialen Kommunikationsmedien mit sich bringt. Diese uralten Kulturen bewahren trotz ihres fortschreitenden Zerfalls noch immer genügend Vitalität, um diesen Gemeinschaften und verarmten Völkern eine soziale Identität zu vermitteln, dass sie in ihr auch die Motivation und die notwenigen Kräfte finden, um für ihr Überleben zu kämpfen.

Das Bemühen, ihre Werte und kulturelle Identität wiederzugewinnen, ist eng verbunden mit der neuen Wertschätzung von Arbeitsformen, Technologien, Organisation, Verteilung und wirtschaftlicher Produktion, die diese Kultur kennzeichnen. Wirtschaftliche Formen, die gekennzeichnet sind durch starke gemeinschaftliche Elemente und solidarische Integration. In der Tat charakterisierten sich die Wirtschaften der ursprünglichen Völker Lateinamerikas dadurch, dass sie die Gemeinschaft als Hauptsubjekt hatten, integriert durch gemeinsames Eigentum, kollektive Arbeit und Beziehungen der Wechselseitigkeit und der Kooperation.

 Der Weg der Spiritualität

Lange Zeit stellten spirituelle Suche und Gemeinschaftssinn einen gewissen Gegensatz zur  Welt des Wirtschaftlichen dar, oder es bestand aufgrund der vorherrschenden wirtschaftlichen Orientierung zumindest eine vorsichtige Distanzierung,. In der Tat widersprechen die wirtschaftlichen Strukturen, Tätigkeiten und Verhaltensweisen häufig den Werten und Prinzipien, die von den großen Religionen und den großen humanistischen und spirituellen Suchbewegungen im allgemeinen verteidigt werden.

Die Betrachtung der wirtschaftlichen Realität aus der Sicht dieser Werte und Prinzipien deckt die Existenz einer schweren Ausbeutung des Menschen auf, seine Reduktion auf einen einfachen instrumentellen Faktor der Produktion, die Verschlimmerung des Egoismus in den sozialen Beziehungen, die Suche nach materiellem Reichtum und wirtschaftlichem Erfolg als Ziel, die Unterordnung des Menschen an vorgeblich objektive Gesetze des Marktes oder der Planung, die Entfremdung und Objektivierung des Subjekts.

Daher entwickeln diese spirituellen und gemeinschaftlichen Wege eine mehr oder weniger systematische kritische Haltung gegenüber der Wirtschaft. Die Beziehung, die man mit der Wirtschaft herzustellen geneigt war, war eher extern und konfliktgeladen: als Denunzierung der Ungerechtigkeiten, die in ihr produziert werden, als Ausübung von moralischem Druck, um Korrekturen an etablierten Vorgehensweisen zu erzwingen, als Versuch, durch Hilfsprojekte, Förderprogramme sowie Bewusstseinsbildung die Armut jener zu lindern, die Ungerechtigkeit und Marginalisierung erleiden müssen, und auch als Bestreben, die Würde der Arbeit zu retten und ihre Unterordnung unter das Kapital mittels der Organisation der Arbeiter umzukehren.

Aber heute verstehen viele, dass die christliche und spirituelle Wertschätzung der Arbeit nicht genug ist, auch wenn ohne Zweifel jede Anstrengung wichtig ist, die gemacht wird, um ihre Würde zu retten und eine gerechte Behandlung für sie zu erreichen. Es reicht nicht, weil in der Wirtschaft die Arbeit nicht allein existieren kann, sondern nur in der Beziehung mit den anderen notwendigen Elementen für die Produktion, kombiniert und organisiert in wirtschaftlichen Einheiten oder Unternehmen, und sie alle sind Teil eines komplizierten wirtschaftlichen Systems der Produktion, der Verteilung, des Konsums und der Akkumulation. Anderseits reicht es auch nicht, das Gewissen innerhalb der Unternehmerschaft zu bilden, auch wenn es wichtig ist, dass ihre Entscheidungen von humanistischen und christlichen Werten beeinflusst werden. Es reicht nicht, weil sie in einer Art von Organisation handeln – dem Unternehmen – und einem ökonomischen Gefüge – dem Markt -, die sie mit solcher Kraft konditionieren, dass sie nicht aufhören können, in Konformität mit den vorherrschenden Kriterien in der Wirtschaft zu handeln, ohne Gefahr zu laufen, selbst ernstlich geschädigt zu werden und sich schließlich als ineffizient ausgeschlossen zu sehen.

Was man heute mit wachsender Klarheit von Seiten jener zu sehen beginnt, die die Wirtschaft in Übereinstimmung mit ihren spirituellen und christlichen Werten leben wollen, ist die Notwendigkeit, sich gemeinschaftlich und assoziativ bei der Schaffung und Entwicklung von Unternehmen eines neuen Typs zu engagieren, die in Übereinstimmung mit einer speziellen ökonomischen Rationalität organisiert sind. Die Formen von Eigentum, Verteilung der Überschüsse, Behandlung der Arbeit und anderer Faktoren, Akkumulation, Expansion und Entwicklung, kurz alle relevanten Aspekte müssen auf eine solche Weise definiert und organisiert werden, dass sie mit ihren spirituellen Prinzipien und Werten konform gehen. Und es müssen Veränderungsprozesse der globalen Ökonomie initiiert und entwickelt werden, sowohl mittels der Präsenz eben dieser alternativen Unternehmen als auch durch Aktionen, die sich auf die Ebene des Marktes und der Wirtschaftspolitik beziehen.

Diese spirituellen und religiösen Suchbewegungen fördern die Werte der Liebe und der Solidarität unter den Menschen, betonen die menschliche Arbeit als Ausdruck der Würde des Menschen und als Quelle wichtiger Tugenden, sie nähren den Sinn für Gemeinschaft, heben die Freigebigkeit hervor, die Wechselseitigkeit und die Zusammenarbeit als höheren Ausdruck der Geschwisterlichkeit, fördern eine gewisse Distanz zu materiellen Gütern und einen verantwortlichen Konsum, um maßvoll und auf integrale Weise die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Sie pflanzen sich so in den innersten Kern der Wirtschaft der Solidarität.

 Die Solidarwirtschaft, Realität und facettenreiches Projekt

 Wir haben 10 Hauptwege zur Solidarwirtschaft betrachtet. Sie gehen von verschiedenen Situationen und Problemen aus, die eine immense Anzahl von Menschen betreffen: die Armen und Marginalisierten, die Privilegierten und die Reichen, die Arbeiter, jene die Partizipation wollen, jene die eine bessere Gesellschaft erstreben, jene die die Entwicklung fördern, die Frauen, die Familien, jene die sich um ökologische Probleme Sorgen machen, die Ethnien und indigenen Völker, jene die einen geschwisterlichen Glauben und Liebe leben wollen. Aus diesen verschiedenen Situationen, im Inneren dieser großen menschlichen Zusammenhänge entstehen Gruppen von Personen, die sich um die realen und aktuellen Probleme ihrer eigenen Realität annehmen, die mit neuen wirtschaftlichen Formen zu experimentieren beginnen, zentriert um die Arbeit und die Solidarität.

Diejenigen, die auf diesen Wegen zu gehen beginnen, sind am Anfang wenige; die Mutigsten, die Pioniere, jene, denen zuerst bewusst wird, dass es möglich ist. Sie haben mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen, mit den größten Hindernissen, denn jeder Anfang ist schwer: man muss alles lernen, in winzigen Schritten vorangehen, experimentieren und irren, das Unverständnis jener ertragen, die nicht glauben oder wollen; man verfügt nur über wenige Mittel, es gibt wenig Zusammenarbeit und Unterstützung. Aber in dem Maße, indem sie ihre Vorstellungen zu realisieren beginnen, lädt ihr Zeugnis andere ein, sich anzuschließen und die Gruppe, die marschiert, wird größer. Für diese ist der Weg schon leichter, weil sie von den ersten lernen können, die bereit sind, ihre Erfahrung zu teilen und zu lehren, was sie gelernt haben.

Außerdem, nach einem Stück des Weges werden jene, die die Suche aufgrund der einen oder anderen Motivation begannen, jenen begegnen, die aus anderen Motiven und verschiedenen Wegen in dieselbe Richtung unterwegs sind. So lernen die einen von den anderen, und vor allem stärken sie sich gegenseitig in ihrer Motivation. Jene, die eine Wirtschaft der Solidarität aufbauen, um die Armut und Marginalisierung zu überwinden, treffen sich mit jenen, die eine gerechtere und geschwisterlichere Gesellschaft suchen; jene, die die soziale Partizipation erstreben, begegnen den Frauen, die eine integrale Entwicklung und ihre vollständige Integration in die Gesellschaft erstreben; jene, die sich um die Ökologie Sorgen machen, begegnen jenen, deren Suche durch eine höhere Spiritualität motiviert ist, und beide lernen, dass eine Sache nicht von der anderen getrennt werden kann; jene, die eine würdige, autonome und selbst verwaltete Arbeit zum Ziel haben, finden die Unterstützung von Profis und Institutionen, die ihnen Ressourcen und das notwendige Wissen bringen; diejenigen, die an einer anderen Entwicklung interessiert sind, entdecken, dass die indigenen Völker das Geheimnis ihrer Realisierung besitzen. Die einen begegnen den anderen, und die zehn Gruppen vereinigen sich immer mehr und entdecken die Kohärenz ihrer Anstrengungen und die gegenseitige Ergänzung ihrer Ziele: sie werden gemeinsam den Sinn dessen, was sie tun, noch mehr vertiefen und sich dann verbünden, sich unterstützen, Treffen organisieren, Netze bilden.

Sie sind von verschiedenen Orten ausgegangen. Die Organisationen, die sie schaffen, sind verschieden, aber alle sind dabei, Solidarität in ihre wirtschaftlichen Experimente einzubringen und in die Wirtschaft im Allgemeinen. Die Prozesse, die sie anstoßen, nehmen unterschiedliche Namen an: economia popular, Selbstverwaltung, Kooperativismus, Basisorganisation, lokale Entwicklung, alternative Wirtschaft, Ökologiebewegung, Entwicklung der Frau, familiäre Mikrounternehmen, ethnische Identität, Volkskunst, christliche Ökonomie, gandhianische Ökonomie, etc. Das alles ist Ausdruck des Reichtums der Inhalte und Formen dieser facettenreichen Suche.

Man wird sagen, dass in unserem Entwurf der Solidarwirtschaft eine große Dosis Idealismus und Utopismus steckt; dass die Realität dieser verschiedenen Erfahrungen nicht so solidarisch ist, wie man sagt oder glauben möchte; dass das alles kleine Experimente sind und fast marginal. Aber wir sprechen weder von erreichten Zielen noch von perfekten Realitäten, sondern von Wegen, Initiativen, Experimenten, Projekten. Es handelt sich tatsächlich um einen angehenden aber realen Prozess, dessen Wege erst kürzlich zu durchlaufen begonnen wurden, die aber schon unzählige Realisierungen und Erfolge aufweisen. Was ich mit Sicherheit behaupten kann, ist, dass die Wirtschaft der Solidarität keine Utopie ist. Utopie ist, was an keinem Ort existiert, aber die Wirtschaft der Solidarität ist ein wenig überall, und von dort lädt sie uns ein, sie zu weiter zu entwickeln - aus mindestens zehn wichtigen Gründen.

 

                                                                                                                                                                                                         Luis Razeto M.

(Ûbersetzt und leicht gekürzt Marianne Schallhas, Arbeitsgemeinschaft Gerecht Wirschaften).